Medienecho
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Main-Post, Nr 265 /2006: Alte Synagogenmauer entdeckt
Die Stadt Würzburg ist um eine archäologische Sensation reicher: Bei den jüngsten Ansgrabungsarbeiten unterhalb der Sakristei der Marienkapelle am Marktplatz sind Teile der Mauer eines Gebäudes und eine Brandschicht aus dem 13./14. Jahrhundert entdeckt worden. Die Mauer gehört mit größter Wahrscheinlichkeit zum mittelalterlichen jüdischen Synagogengebäude. Die Brandschicht dürfte auf die Zerstörung des Judenbezirks am Würzburger Marktplatz beim Pogrom des Jahres 1349 hinweisen...Für den Judaisten und emeritierten Bibelwissenschaftler Professor Dr. Karlheinz Müller stellen die Funde eine Sensation dar. Sie seien mit die ältesten Belege für eine jüdische Siedlung und mittelalterliche Synagoge...Künftig soll eine Gedenktafel an der Marienkapelle an die jüdischen Zeugnisse erinnern. Stadtführer dürfen künftig
Jüdisches Leben in Bayern, Dezember 2006:
Festliche Eröffnung von Shalom Europa
Shalom Europa - der Name ist nicht nur Programm. Er ist, wie es der Bayerische Ministerpräsident Dr. Edmund Stoiber anläßlich der Einweihung des Neuen Jüdischen Gemeinde- und Kulturzentrums in Würzburg am 23. Oktober / 1. Cheschwan 5767 vor 400 Teilnehmern des Festaktes formulierte, „das sichtbare Zeichen für eine neue Qualität des jüdischen Lebens in Würzburg, in Unterfranken, in Bayern”. Shalom Europa bringe zum Ausdruck, daß „jüdische Kultur und jüdisches Alltagsleben wieder integraler Bestandteil unserer Gesellschaft sind“,
Solche Einschätzungen spiegelten sich in praktisch allen anderen Grußworten, die an diesem Tag vorgetragen wurden. Die Zeiten, in denen sich jüdisches Leben verborgen habe, sei vorbei, meinte die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch. „Wer baut, der bleibt, heißt es. Ich  möchte diesen Satz ergänzen zu: Wer baut, hat seine Heimat gefunden”. Sie ergänzte diese Aussage mit dem das neue Selbstbewußtsein in der Gemeinde spiegelnden Satz: „Wir haben gebaut, wir bleiben - und wir gestalten Würzburg mit”.
Professor Ernst Cramer, der Vorsitzende der Axel-Springer-Stiftung wertete das Ereignis in seinem Festvortrag „Erinnerung und Zukunft” ähnlich. Cramer, der als junger amerikanischer Offizier im Frühsommer 1945 in die fast total zerstörte Stadt Würzburg gekommen war,  zitierte einen damaligen Satz des Rabbiners Leo Baeck: „Die Epoche der Juden in Deutschland ist ein für allemal vorbei” Heute, nach über sechzig Jahren, so fuhr er dann aber fort, lebten wieder mehr als 100.000 Juden in Deutschland. „Daß es wieder Judentum in Deutschland gibt, dafür ist diese Einweihung ein weithin sichtbarer Beweis”.
Für die Ronald S. Lauder Foundation faßte deren Schatzmeister Jacob Z. Schuster die Gründe für die Unterstützung von Shalom Europa durch die amerikanische Stiftung mit dem Hinweis auf das hier erkennbare „klare Bekenntnis zur Würzburger Orthodoxie sowie den Willen, das Torah-Judentum im Rahmen einer größeren Gemeinde zu realisieren”. Der Amerikaner Schuster zog in seinem Grußwort einen Bogen von der Geschichte seiner Familie, die - ursprünglich aus Spanien stammend, über Fulda nach Wenkheim im Main-Tauberkreis kam, wo sie bis 1938 lebte - zu den jetzt in Würzburg aktuell laufenden Programmen der Stiftung: dem  Hoenlein Genealogy Project, welches „heutigen Juden helfen soll zu verstehen, woher sie kommen”; und dem Lauder Chorev Seminar; „mit welchem wir heutigen Juden helfen wollen zu verstehen, wer sie werden können”..
Dr. Josef Schuster, der Vorsitzende der Gemeinde, erinnerte in seiner Begrüßung an die traditionsreiche Geschichte der unterfränkischen Juden. In der 1300 Jahre langen Geschichte der Stadt Würzburg könnten sie immerhin selber auf eine 900 Jahre zurückreichende Tradition zurückblicken. Die Gemeinde habe nach dem Ende der Naziherrschaft mit 21 Rückkehrern und 38 Deportierten einen neuen Anfang genommen. Beim Neubau habe man die Geschichte in Form der bei Bauarbeiten im Stadtteil Pleich gefundenen jüdischen Grabsteine bewußt einbezogen. „Sie sind das Fundament, das uns trägt, der Grund auf dem wir stehen”, Und weiter: „Wir fühlen uns als Teil dieser Stadt und als Teil Europas“.
Das neue Zentrum baut in der Tat -  beinahe buchstäblich  - auf der Lagerstätte des weltweit größten Fundes von Grabsteinen und Grabsteinfundamenten aus einem jüdischen Friedhof des Mittelalters auf. Als kulturelles Gedächtnis eines über viele Jahrhunderte europaweit respektierten Sitzes jüdischen Lebens bilden sie im Basisgeschoß unter dem Innenhof gleichsam das Fundament. Eine Auswahl der „Judensteine” wird im musealen Teil des Gebäudes helfen, traditionelles jüdisches Leben im 21. Jahrhundert transparent zu machen.

An diesem Tag wurde natürlich auch daran erinnert, daß der Name „Shalom Europa” zusätzlichen Anspruch signalisiert, den eines in der Tradition des weltberühmten Würzburger Rabbiners Seligmann Bär Bamberger (1807 - 1878) zum Ausdruck kommenden Willen zum innerjüdischen Dialog und darüber hinaus, wie Ministerpräsident Stoiber es sah. Oder, mit den Worten von Frau Knobloch: „Sie suchen hier in Würzburg...den Dialog mit der nichtjüdischen Öffentlichkeit und haben bei den Planungen die europäische Perspektive besonders betont...Durch die Einbeziehung der europäischen Dimension besitzt dieses Zentrum aktuelle Relevanz und leistet einen Beitrag zur Herausbildung einer europäisch-jüdischen Identität”.

Natürlich wurden auch Bezüge zu aktuellen Situationen und Entwicklungen von verschiedenen Rednern m Hinblick auf rechtsextremistische Bedrohungen angesprochen. Frau Knobloch bezeichnete es als „Blamage für jeden Patrioten, wenn hierzulande Menschen behaupten können, es gebe national befreite Zonen. Ein solches Image hat Deutschland nicht verdient”. Dr. Schuster beantwortete die Frage, ob in diesem Zusammenhang ein neues Zentrum wie Shalom Europa „richtig” sei, sehr entschieden: „Wir wollen uns selbstbewußt darstellen”. Judentum, so wünschte es sich Rabbiner Jakov Ebert zusätzlich, solle man „nicht nur sehen, sondern praktizieren”.

Einen von der Festgemeinde nachhaltig und mit ganz besonders starken Beifall bedachten Beitrag lieferte der Vortrag von Professor Cramer. Versöhnung über die Grenzen der Religionen hinweg und damit für die Welt - danach zu streben ist nach seiner Ansicht von Ernst Cramer, Aufgabe auch von „Shalom Europa”. Den nie ausgestorbenen und in vielen Teilen der Welt, besonders in Europa, wieder aufflammenden Antisemitismus zu bekämpfen, sagte er,  sei keine Aufgabe für Juden allein, sondern ein gesamtgesellschaftlicher Auftrag, Wo es, wie beim islamistischen Terror, „viel mit Religion, mit mißverstandener Religion” tun habe, müsse aufgeklärt, für Verständnis geworben und wenn nötig entschlossen abgewehrt werden. Immer aber müsse man bereit zum Gespräch und zum aussöhnenden Miteinander sein.

Cramer erinnerte an Papst Johannes Paul II, der unter Bezug auf die Bibel Juden und Christen als Nachkommen Abrahams als dazu berufen gesehen hatte, „Segen für die Welt zu sein”. Dieser Aussage sei später, als die Auseinandersetzung mit dem Islam einem Höhepunkt zustrebte, vom Zentralkomitee der Deutschen Katholiken mit der Formulierung ergänzt worden: „Wir hoffen, auch die Muslime, die sich ebenfalls auf die Abrahahmskindschaft beziehen, für diese Verpflichtung zu gewinnen”-

„So schwer das ist, genau das ist unser aller Auftrag - natürlich auch die Aufgabe jedes jüdischen Lehrhauses, also auch dieses Gemeindezentrums: daß nämlich „die Hand ausgestreckt bleibt zur Versöhnung, und zwar nicht nur mit denen, die selbst Verständigung wünschen , sondern auch mit solchen, die heute noch uneinsichtig sind. Schließlich sind wir alle Schwestern und Brüder, auch wenn wir das allzu gerne und viel zu oft vergessen . „Der Jüdischen Gemeinde zu Würzburg wünsche ich, das sie den göttlichen Auftrag - Segen für die Welt zu sein - nie vergißt.”

Die Festveranstaltung wurde vom Chor der Jüdischen Gemeinde sowie von Elena Storojouk (Flügel) und Anja Tuch (Violine) mit gestaltet. Kantor Bernard San, Zürich, lieferte mit Talmud- und liturgischen Texten die feierlichen Übergänge zwischen den Hauptreden und zur Schlüsselübergabe durch den Architekten Gerhard Grellmann an Dr. David Schuster sowie zur Einweihung durch Rabbiner Jakob Ebert. Albrecht Fürst zu Castell-Castell fügte als Sprecher des Initiativkreises „Shalom Europa” entließ die Versammlung aus dem prächtigen David-Schuster-Saal zur Besichtigung des Gebäudes bei aller Freude und Genugtuung über das Erreichte mit einer  Nachkenklichkeit einladenden Note. Shalom Europa, so meinte er unter Bezugnahme auf die budgetierten Baukosten von 11,7 Mio Euro und einen mit der Endabrechnung möglicherweise zu erwartenden Fehlbetrag in der Gegend von 10 Prozent, sei „finanziert, doch noch nicht bezahlt”.

Bayerische Staatszeitung, 8. 12. 2006: Jüdisches Leben perfekt präsentiert
Kurz vor der Münchner eröffnete die Israeltische Gemeinde Würzburg und Unterfranken am 23. Oktober 2006 ihr neues Gemeinde- und Kulturzentrum „Shalom Europa” in der unterfränkischen Bezirkshauptstadt. Das mit der Planung beauftragte Würzburger Architekturbüro Grellmann-Kriebel-Teichmann versuchte das Grundstück sinnvoll zu nutzen, Sicherheit, Geborgenheit, Schutz vor Verkehrslärm, „sinnstiftende bauliche Integration” der mittelalterlichen Grabsteinfunde, aber auch Übersichtlichkeit, Durchblick und Ausblick und Funktionalität zu zeigen. Ferner wollten sie gute Raumproportionen, Tageszeit und Witterung im Inneren erlebbar machen sowie Atmosphäre und Schönheit. Die Baukörper des Jüdischen Gemeindezentrums mit ihren unterschiedlichen Nutzungen gruppieren sich um einen, wie die Planer schreiben, in sich ruhenden, zu Kommunikation einladenden Innenhof. Die Zugänge zur Synagoge, zur Verwaltung, dem Gemeindesaal, dem Museum sind klar definiert. Der Kopfbau an der Valentin-Becker-Straße zeigt das Gemeindezentrum im städtischen Raum, gibt ihm durch seine Gestaltung, die Verwendung von Schönbrunner Sandstein, der entfernt an die Tempelmauer in Jerusalem erinnert, und durch die dem David-Schuster-Saal vorgelagerte künstlerisch gestaltete Glasfront einen eigenen Akzent. Das Glasbild schützt vor allzu genauer Einsicht, vor Lärm und zusammen mit der integrierten Lamellenanlage vor starkem Sonnenlicht. „Man fühlt bereits außen die Transparenz des Gebäudes, die konsequente Öffnung des Saales und des darüber liegenden jüdischen Dokumentationszentrums zum Innenhof”, betonen die Architekten. Neben den Archiv- und Büroräumen besitzt das Dokumentationszentrum einen eigens gestalteten Ausstellungsraum. Das Museum ist zur Straße hin optisch abgeschlossen, jedoch vom Innenbereich überall einsehbar. Erdgeschoss und Untergeschoss sind durch hohe Lichträume zu einer Einheit verschmolzen und die freistehende Treppe in atmosphärischer Raumdichte erlebbar. Über dem Museum befinden sich die Festräume der Gemeinde. Sie sind durch das offene Foyer fließend miteinander verbunden. Der Festsaal, transparent, aber nicht nach außen offen, ist mehrfach teilbar und mit eingestellter Empore auch synagogal nutzbar. Auf der anderen Seite befindet sich der Zugang zur Synagoge. Die verbindende Brücke lässt sich am Laubhüttenfest als Sukkah zum Himmel öffnen und führt über eine weitere Foyerzone zur Synagoge.

Casteller Nachrichten, Nr. 36/2006: Shalom Europa
... „Ein Bauvorhaben dieser Größe zu realisieren, übersteigt die Möglichkeiten einer einzelnen jüdischen Gemeinde. Der besondere Dank gilt deshalb dem Initiativkreis „Shalom Europa”, der nunmehr seit acht Jahren seine ganze Kraft in die Verwirklichung dieses Projektes setzte. Mit seinem Sprecher, Albrecht Fürst zu Castell-Castell, war der Initiativkreis nicht nur der Begleiter, sondern der Motor dieses Projekte”, so Dr. Josef Schuster, Vorsitzender der Israelitischen Gemeinde in Würzburg und Unterfranken.....

Sant Egidio Hompage, 27. 11. 2006: Gedenken an die Deportation der Würzburger Juden
Am 27.11.1941 wurde die erste größere Gruppe von Juden aus Würzburg deportiert. Gemeinsam mit der israelitischen Kultusgemeinde lud die Gemeinschaft Sant'Egidio zum Gedenken an dieses Ereignis ein.

Mehrere hundert Menschen folgten dem Aufruf und versammelten sich vor dem Dom, wo Bischof Dr. Friedhelm Hofmann für die katholische Kirche und Dekan Dr. Günter Breitenbach für die evangelische Kirche Grußworte sprachen. Schweigend und mit Kerzen in den Händen zogen danach die Teilnehmer durch die Stadt und gedachten der Juden, die damals Würzburg verlassen mussten. Für viele von ihnen bedeutete die Deportation den Weg in den Tod.

Vor dem Stadttheater sprachen Dr. Josef Schuster, der Vorsitzende der isrealitischen Kultusgemeinde Würzburg, Oberbürgermeisterin Dr. Pia Beckmann und Dr. Klaus Reder von der Gemeinschaft Sant'Egidio

Remembering the Deportation of the Jews of Würzburg
The first large group of Jews was deported from Würzburg on 27th November 1941. The Community of Sant’Egidio, in association with the Israeli Community, organized a commemoration of this event.

Several hundred people took up the invitation, assembling in front of the Cathedral, where Bishop Dr. Friedhelm Hofmann, representing the Catholic Church, and Deacon Dr. Günter Breitenbach representing the Evangelical Church, gave opening addresses. In silence, and bearing candles in their hands, participants then proceeded through the city, their thoughts with the Jewish people who had been forced to leave the city. For many of these, deportation meant going to their deaths.

Speeches were given against the backdrop of the City Theatre, by Dr. Josef Schuster, Chairman of the Israeli Community of Würzburg, the Mayor of Würzburg, Dr. Pia Beckmann and Dr. Klaus Reder of the Community of Sant'Egidio.

Main-Post, 18. 11. 2006: Auf der Suche nach Jerusalem – Zwei Fotografen forschten 20 Jahre nach Relikten jüdischen Lebens in Franken.
Buchbesprechung H. Liedel und H. Dollhopf „Jerusalem in Franken”,Synagogen und jüdische Friedhöfe. Text: Rudolf M. Bergmann, 168 Seiten. Echter-Verlag, Würzburg

Sonntagsblatt, 12.11.2006: Jüdisches Leben einst und heute
...in Würzburg und Nünchen entstehen neue Synagogen und Gemeindezentren. Anders sieht es mit dem einst blühenden jüdischen Leben auf dem Land aus: Hier erinnern nur nochFriedhöfe und - oftmals zweckentfremdete - Synagogen an eine untergegangene Kultur...

Frankfurter Allgemeine, 11.11.2006: Kleine jüdische Wunder - ein Kommentar von Hans Riebsamen über neue jüdische Gemeindezentren, Synagogen, Schulen und Jugendhäuser in Deutschland

Bayernkurier, 4. 11. 2006: Symbol der Aussöhnung

Bayerische Staatszeitung, 3. 11. 2006: Das  jüdische Leben ist ein zartes Pflänzchen

Jewish News Weekly, 3.11. 2006: JCC opens in German town
A Jewish community and cultural center opened in Würzburg, Germany. Opening ceremonies took place Oct. 23 for Shalom Europa, a complex that includes a synagogue, classrooms and a documentation center for Jewish history and culture.

Speakers at the opening included Charlotte Knobloch, head of the Central Council of Jews in Germany; Edmund Stoiber, prime minister of the state of Bavaria; and Ernst Cramer, chairman of the Axel Springer Foundation.

The complex is built around the site of an existing synagogue and houses the world’s largest collection of unearthed gravestones and gravestone fragments from a medieval Jewish cemetery, part of which will be on display.

Medieval Würzburg was a center of Torah study. Most of today’s Jewish community, which numbered 1,100 as of 2004, is made up of emigrants from the former Soviet Union.

Würzburg1.de, o.Datum: Herausragendes Symbol deutsch-jüdischer Aussöhnung eingeweiht
Unter höchsten Sicherheitsvorkehrungen wurde am vergangenen Montagnachmittag nach fünfjähriger Bauzeit das neue jüdische Gemeinde- und Kulturzentrum Shalom Europa in Würzburg offiziell eingeweiht. Zum Festakt hatten sich auf Einladung von Dr. Josef Schuster, dem Vorsitzenden der Israelitischen Gemeinde Würzburg und Unterfranken, zahlreiche Vertreter aus Kirche, Politik, Wissenschaft und Wirtschaft eingefunden. Angeführt wurde dabei die Riege der Ehrengäste von Landesvater Dr. Edmund Stoiber nebst Ehefrau Karin und Charlotte Knobloch, Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland. Mit dem neuen Projekt zeige die jüdische Gemeinde in Würzburg und Unterfranken, wie lebendig und kraftvoll sie ist, so Knobloch. Von Ministerpräsident Stoiber war indes zu erfahren, dass das 11,7 Millionen Euro teure Projekt vom Freistaat Bayern mit 7,3 Millionen Euro gefördert wurde. „Damit geben wir ein klares Signal für den herausragenden Stellenwert der jüdischen Kultur in Bayern“, so Dr. Stoiber. Ferner betonte der Ministerpräsident, dass das neue Kulturzentrum ein wichtiger Meilenstein für die jüdische Gemeinde in Bayern sei und für eine neue Qualität des jüdischen Lebens in Würzburg, Unterfranken und ganz Bayern stehe. Mit der Eröffnung des neuen Gemeinde- und Kulturzentrums will man aber mehr sein als nur Heimat für die rund 1100 Mitglieder der jüdischen Kultusgemeinde in Würzburg und Unterfranken. „Hier sollen sich Juden und Nichtjuden begegnen, kennen und verstehen lernen“, betonte die Präsidentin des Zentralrats der Juden. Nach dem Festakt bestand Möglichkeit zu einer kurzen Besichtigung des neuen Zentrums. (Text und Bilder: Rudi Merkl)

Bild 1 (v.l.): Marat Gerchikov, Dr. Josef Schuster sowie Dr. Edmund Stoiber und Ehefrau Karin -  Bild 2 (v.l.): Bischof Dr. Friedhelm Hofmann, Erzpriester Apostolos Malamousis, evangelische Landesbischof Dr. Johannes Friedrich und Joachim Herrmann - Bild 3: Professor Dr. Ernst Cramer und Charlotte Knobloch - Bild 4 (v.l.): Albrecht Fürst zu Castell-Castell und Professor Dr. Ernst Cramer - Bild 5: Neues jüdisches Gemeinde- und Kulturzentrum „Shalom Europa“ -  Bild 6: Michael Glos und Ehefrau Ilse (l.) - Bild 7 (v.l.): Gerhard Grellmann und Dr. Josef Schuster - Bild 8 (v.l.): Dr. Adolf Bauer, Oliver Jörg und Joachim Herrmann

Jüdische Allgemeine, 2. November 2006:

Handelsblatt, 1. 11. 2006: Die Koffer sind ausgepackt -Von Ralf Balke
In keinem anderen Land wächst die jüdische Gemeinschaft schneller als in Deutschland. Doch Forscher halten es für verfrüht, von einer Renaissance des jüdischen Lebens zu sprechen.

Für die Israelitische Kultusgemeinde Würzburg war der 23. Oktober 2006 ein Meilenstein in ihrer fast 900-jährigen Geschichte. Mit einer großen Feier wurde das neue Gemeinde- und Kulturzentrum eröffnet. Ein Saal mit Platz für bis zu 400 Personen, eine koschere Küche sowie Tagungsräume und ein über 1 300 Quadratmeter großer Museumsbereich sollen den Juden der Stadt zukünftig als neuer Mittelpunkt dienen. Der Bau war notwendig geworden, denn wie überall in Deutschland erlebte auch die Israelitische Kultusgemeinde Würzburg einen rasanten Zuwachs. Die alten Räumlichkeiten waren zu eng geworden.

„Bis Ende der achtziger Jahre lebten gerade einmal knapp zweihundert Juden in Würzburg“, berichtet ihr Vorsitzender Josef Schuster. „Doch dank der Zuwanderung von Juden aus der ehemaligen UdSSR zählen wir heute über 1 100 Mitglieder – Tendenz weiter steigend.“ Zum Vergleich: 1933 gab es etwa 2 800 Juden in der Stadt. Unterfranken mit seinen damals 128 Gemeinden repräsentierte lange Zeit die wohl dichteste jüdische Besiedlung in Deutschland abseits der großen Städte wie Berlin oder Frankfurt.

Juden hatten maßgeblichen Anteil am Wirtschaftsleben der Region. So waren es jüdische Weinhändler, die den Frankenwein deutschlandweit bekannt machten. All dem wurde durch die nationalsozialistische Ausgrenzungs- und Vernichtungspolitik ein Ende gesetzt. Das neue Gemeinde- und Kulturzentrum steht deshalb für mehr als einen neuen Treffpunkt. „Vorgeführt wird die historische Kontinuität jüdischen Lebens – für die Zuwanderer und ihre Kinder ebenso wie für die Besucher aus dem außerjüdischen Umfeld“, heißt es bei „Shalom Europa“, einem Initiativkreis, der den Bau erst möglich gemacht hat.

„1998 trat der damalige Gemeindevorsitzende David Schuster mit der Bitte um Hilfe an mich heran“, erinnert sich Albrecht Fürst zu Castell-Castell, Mitinhaber der 1774 gegründeten Fürstlich Castell’schen Bank. Bereits seit Jahren hatte er sich in der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit engagiert. „Die Aussöhnung zwischen Juden und Deutschen ist ein Schwerpunkt in meinem Leben“, erklärt der Fürst. „Shalom Europa“ entstand, und Albrecht Fürst zu Castell-Castell übernahm die Rolle des Sprechers des Initiativkreises.

14,6 Millionen Euro kostete das neue jüdische Gemeinde- und Kulturzentrum. Die Mittel dazu kamen unter anderem von der Bayerischen Staatsregierung, dem Bezirk Unterfranken und der Bayerischen Landesstiftung. Aber auch private Spender und die amerikanische Lauder-Stiftung mit ihrem Chef Ronald S. Lauder, dem Sohn der legendären Gründerin des Kosmetikimperiums Estée Lauder, hatten Anteil an der Finanzierung. „Wir schaffen jüdische Identität“, bringt Rabbiner Joshua Spinner, Vize-Präsident der Lauder-Stiftung in Berlin, das Motto seiner Organisation auf den Punkt.

Das ist für die Zukunft des jüdischen Lebens in Deutschland von entscheidender Bedeutung. Zwar wachsen nirgendwo sonst auf der Welt die jüdischen Gemeinden so schnell, doch stellt sie das auch vor Herausforderungen. Neuankömmlinge müssen integriert werden. Zählten die Gemeinden 1990 noch rund 30 000 Mitglieder, so sind es heute weit über 105 000.

Setzte sich die „alte“ jüdische Gemeinschaft zum großen Teil aus so genannten „displaced persons“ zusammen, also jüdischen Flüchtlingen und ihren Nachkommen aus Osteuropa, die nach 1945 in Deutschland gestrandet waren und über die es lange hieß, sie würden immer noch „auf gepackten Koffern sitzen“, um irgendwann einmal weiter nach Israel oder in die USA auszuwandern, so stammen laut einer aktuellen Studie des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge mittlerweile rund 88 Prozent aller Gemeindemitglieder aus der ehemaligen UdSSR und waren jüngst zugewandert.

Die jüdischen Zuwanderer durchleben eine Art doppelten Integrationsprozess, denn es gilt, sich sowohl in der deutschen Gesellschaft zurechtzufinden als auch in den jüdischen Gemeinden. Das ist für alle Beteiligten nicht einfach. Schließlich war in der ehemaligen UdSSR jüdisches Leben nur unter erschwerten Bedingungen möglich. Der virulente Antisemitismus, den es in der Sowjetunion gab, ließ es ratsam sein, seine jüdische Identität besser zu verbergen. Kurzum, die Mehrheit der zugewanderten Juden hat von jüdischen Traditionen kaum eine Ahnung.

Für die jüdische Gemeinschaft aber gibt der rasante Zuwachs trotzdem Anlass zur Hoffnung, dass das Judentum in Deutschland einen neuen Aufschwung erlebt. Die demographischen Veränderungen als Beginn einer Renaissance des jüdischen Lebens zu interpretieren geht vielen jedoch zu weit. Der Würzburger Gemeindevorsitzende Schuster ist vorsichtiger: „Von einer Renaissance zu sprechen, dafür ist es eindeutig zu früh. Aber Chancen für eine Wiederbelebung gibt es durchaus.“ Insbesondere kleine und mittelgroße Gemeinden sieht er gut positioniert, wenn es um die Integration geht. „Wir können manchmal offener auf die Zuwanderer zugehen.“

Geteilt wird seine Einschätzung von Professor Julius H. Schoeps, Direktor des Moses-Mendelssohn-Zentrums für europäisch-jüdische Studien der Universität Potsdam. Er verfolgt als Wissenschaftler den Prozess der Einwanderung von russischen Juden bereits seit Jahren und kommt zu dem Ergebnis, dass es mit ihrer beruflichen und sozialen Situation alles andere als rosig aussieht. Mehr als die Hälfte muss von Sozialhilfe leben, und das, obwohl unter den Zuwanderern ein überdurchschnittlich hoher Anteil an Akademikern zu finden ist. Das Problem sind oft die Universitätsabschlüsse und andere berufliche Qualifikationen aus der alten Heimat, die nicht anerkannt werden.

Auch ist die Mehrheit der russischen Juden nicht zwangsläufig in einer Gemeinde, das belegen die Zahlen: So wanderten in den vergangenen fünfzehn Jahren zwar über 200 000 Juden aus der Ex-UdSSR nach Deutschland ein, aber nur rund 80 000 schlossen sich einer Gemeinde an. Deshalb geht auch Schoeps vorsichtig mit dem Begriff „Renaissance“ um. Er spricht lieber von „einer dauerhaften, ja viel versprechenden Perspektive“ für das jüdische Leben und die jüdische Kultur: „Die Zeit der gepackten Koffer scheint endgültig vorbei.“

Würzburger Katholisches Sonntagsblatt, 31. 10.. 2006: Jüdisches Gemeinde- und Begegnungszentrum „Shalom Europa“ eingeweiht Segen für die Welt sein
Auf dem Areal in der Würzburger Valentin-Becker-Straße rund um die bereits bestehende und jetzt erweiterte Synagoge ist ein Gebäudekomplex entstanden, der sowohl den Anforderungen einer wachsenden Gemeinde als auch einer weit über die regionalen Grenzen hinausreichenden Vision Rechnung trägt. Wichtige Bestandteile des Zentrums sind ein in Kooperation mit der R.S. Lauder Foundation entstandenes Seminarzentrum mit Schabbatprogrammen und religiösen Fortbildungskursen für Menschen aus Gemeinden in Deutschland und dem übrigen Europa und ein von der Stadt und dem Bezirk Unterfranken betriebenes Dokumentationszentrum für jüdische Geschichte und Kultur in Unterfranken.

Den bekannten Satz „Wer baut, der bleibt“ möchte sie in diesem Fall gerne um den Satz erweitern „Wer baut, hat eine Heimat gefunden“, sagte die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, in ihrem Grußwort zur Einweihung des neuen jüdischen Gemeinde- und Dokumentationszentrums „Shalom Europa“ in der Würzburger Valentin-Becker-Straße. Und damit gab sie eine Grundstimmung wieder, die sich durch alle Beiträge der Einweihungsfeier am 23. Oktober mit zahlreichen prominenten Gästen, unter ihnen Ministerpräsident Edmund Stoiber und Bundesminister Michael Glos, zog.

Doch bei aller Freude über das gelungene Projekt (wir berichteten bereits) gab es auch nachdenkliche und mahnende Töne, insbesondere beim Blick auf die Geschichte des Judentums in Deutschland und deren abruptes Ende im Holocaust und vor allem im Blick auf wieder aufkeimende antisemitische Tendenzen. So mahnte Charlotte Knobloch ihre Zuhörer, dass Judenhass und Rechtsextremismus nicht nur ein jüdisches Problem seien, was, Ministerpräsident Stoiber in seiner Festansprache aufgriff mit der Forderung, alles zu tun, um junge Menschen zu einem sensiblen Geschichtsbewusstsein zu erziehen. In diesem Zusammenhang unterstrich er die Bedeutung der großen Volksparteien und verurteilte den verbreiteten Kritizismus an allen staatlichen Institutionen. Das Zentrum „Shalom Europa“ sei für ihn Ausdruck dafür, dass „jüdische Kultur und jüdisches Alltagsleben wieder integraler Bestandteil unserer Gesellschaft sind“, sagte der Ministerpräsident und dankte der jüdischen Gemeinde in Würzburg und ihrem Vorsitzenden Dr. Josef Schuster für die geleistete Integrationsarbeit, die der gesamten Gesellschaft zugute komme.

Teil dieser Stadt
In seiner Begrüßung zu Beginn der Festveranstaltung hatte Schuster auf die traditionsreiche Geschichte der jüdischen Gemeinde in Würzburg erinnert, die mit 21 Rückkehrern und 38 Deportierten nach dem Ende der Nazi-Herrschaft einen neuen Anfang genommen hatte. Bewusst habe man diese Geschichte in Form der bei Bauarbeiten im Stadtteil Pleich gefundenen jüdischen Grabsteine in das Zentrum einbezogen. „Sie sind das Fundament, das uns trägt, der Grund, auf dem wir stehen“, sagte Schuster wörtlich und versicherte zugleich: „Wir fühlen uns als Teil dieser Stadt und als Teil Europas“. Er dankte allen am Bau Beteiligten, allen Unterstützern und Förderern und nannte dabei namentlich auch die evangelisch-lutherische Landeskirche, die Diözese Würzburg und die Abtei Münsterschwarzach.      

Die gute Nachbarschaft zwischen Juden und Christen in der Region betonte Bischof Friedhelm in seinem Grußwort und dankte allen, die an diesem „kostbaren Gebäude des Vertrauens“ mitgebaut haben. Er gratulierte auch im Namen von Kardinal Friedrich Wetter und versicherte, dass der Tag der Einweihung des neuen Gemeinde- und Begegnungszentrums nicht nur ein Festtag für die jüdische Gemeinde, sondern auch ein freudiger Tag für die Diözese Würzburg sei.

In seinem Festvortrag schilderte Prof. Dr. Ernst Cramer, Vorsitzender der Axel-Springer-Stiftung, wie er als amerikanischer Offizier im Frühsommer 1945 in das zerstörte Würzburg gekommen und einer Handvoll überlebender Juden begegnet war, die gewissermaßen auf gepackten Koffern saßen und auf die Auswanderung warteten. Der Rabbiner Leo Baeck habe damals gesagt, dass die Epoche der Juden in Deutschland ein für allemal vorbei sei. Heute, nach über sechszig Jahren, lebten wieder mehr als 100000 Juden in Deutschland. Den nie ausgestorbenen Antisemitismus und den von islamistischen Terroristen verbreiteten Fundamentalismus benannte er als Hauptgefahren für die neue jüdische Geschichte in Deutschland. Beim islamistischen Terror, der „viel mit missverstandener Religion” zu tun habe, müsse aufgeklärt, für Verständnis geworben und, wenn nötig, entschlossen abgewehrt werden.

 Göttlicher Auftrag
Immer aber müsse man bereit zum Gespräch und zum aussöhnenden Miteinander sein. Cramer erinnerte daran, dass Papst Johannes Paul II, ausgehend von der Bibel, Juden und Christen als Nachkommen Abrahams als dazu berufen gesehen habe, „Segen für die Welt zu sein“. Diese Aussage sei später vom Zentralkomitee der Deutschen Katholiken mit der Formulierung ergänzt worden: „Wir hoffen, auch die Muslime, die sich ebenfalls auf die Abrahamskindschaft beziehen, für diese Verpflichtung zu gewinnen.“ Der Jüdischen Gemeinde wünschte er, dass sie den göttlichen Auftrag, Segen für die Welt zu sein, nie vergesse.
Mit der Schlüsselübergabe durch Architekt Gerhard Grellmann, dem Segensspruch von Rabbiner Jakov Ebert und einem Schlusswort von Graf Albrecht Fürst zu Castell-Castell, Vorsitzender des Initiativkreises „Shalom Europa“, ging ein Festakt zu Ende, der bewies, dass jüdisches Leben in Deutschland sich wieder selbstbewusst zeigt und entwickelt; der aber auch – nicht zuletzt durch die strengen Sicherheitsvorkehrungen – zeigte, dass es weiterer Anstrengungen bedarf, damit das auch zur unbedrohten Selbstverständlichkeit wird. Wolfgang  Bullin

prima Sonntag, 29. 10. 2006: Neues jüdische Kulturzentrum wurde eingeweiht - Frieden Europa!

Fränkische Nachrichten: 28. 10.2006

Main-Post, 27. 10. 2006: Shalom Europa - das neue Jüdische Gemeinde- und Kulturzentrum

Main-Post, 27. 10. 2006: Die Hand bleibt ausgestreckt zur Versöhnung - Auszüge aus dem Festvortrag von Prof. Dr. Ernst Cramer anläßlich der Einweihung des neuen Jüdischen Gemeinde- und Kulturzentrums

Pressedienst der Bistums Würzburg, 27. 10.. 2006: "Kostbares Gebäude des Vertrauens"
Als einen "besonderen Festtag" hat Bischof Dr. Friedhelm Hofmann den Montag bezeichnet. An diesem Tag wurde das Jüdischen Gemeindezentrum "Shalom Europa" in Würzburg eröffnet.

"Der Tag der offiziellen Einweihung des neuen jüdischen Gemeindezentrums ist zuerst ein besonderer Tag für die Jüdische Gemeinde, der ich zu diesem beeindruckenden Bau gratuliere. Ich tue das nicht nur als Bischof von Würzburg, sondern auch im Namen von Friedrich Kardinal Wetter, dem Vorsitzenden der Freisinger Bischofskonferenz", so Hofmann. "Der heutige Tag ist aber auch ein herausragendes Ereignis für die Christen in unserer Region, für die Katholiken unserer Diözese und für mich als Bischof. So lange Juden in Würzburg und im Umland leben - also seit nachweislich nahezu 1000 Jahren -- ist ihre wechselvolle Geschichte eng verknüpft mit der Geschichte unseres Bistums."

Im 12. Jahrhundert, so Hofmann, berichten die Quellen von dem Vertrauen, das die Juden in den Schutzwillen des Bischofs Siegfried von Truhendingen setzen konnten. "Es begann eine Phase, in der sich die Juden in Würzburg unter der Obhut der Bischöfe und des Kaisers zu einer blühenden Gemeinde von hohem Bildungsrang entwickeln konnten. Die verheerenden Pogrome von 1298 und 1348 dagegen zeugen von dem dunklen Schatten des christlichen Judenhasses, der sich bis ins 20. Jahrhundert immer wieder über die Geschichte unseres Bistums legte -- bis hin zu den Tagen, in denen Juden unter den Augen ihrer christlichen Mitbürger mitten durch die Stadt in die Vernichtungslager deportiert wurden."

Nach den Schrecken der Schoah sei in den letzten Jahrzehnten neues Vertrauen gewachsen. "Heute leben Juden und Christen in unserer Region als gute Nachbarn zusammen."

Bischof Dr. Hofmann würdigte das Engagement aller, die in den letzten Jahrzehnten an diesem "kostbaren Gebäude des Vertrauens mitgebaut haben: In manchmal mühsamen Verhandlungen um den Rückerwerb des Synagogengrundstücks in der Domerschulstraße durch die Jüdische Gemeinde -in der Erforschung der mittelalterlichen Grabsteine, die so etwas wie ein Symbol unserer gemeinsamen wechselvollen Geschichte darstellen. Ich betrachte es dabei als glückliche Fügung, dass mit Professor Müller ein Mitglied unserer Katholisch-Theologischen Fakultät zusammen mit israelischen Kollegen die Erforschung der Steine und der Geschichte der Juden im Mittelalter vorangetrieben hat. Und ich denke an die vielen Mitglieder der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, die durch ihr persönliches Engagement das gute Verhältnis zwischen Juden und Christen mit Leben erfüllen."

So sei der Tag der Einweihung des neuen jüdischen Gemeinde- und Kulturzentrums nicht nur ein Festtag für die Mitglieder der Jüdischen Gemeinde, sondern auch ein freudiger Tag für die Diözese Würzburg.

Jüdische Allgemeine, 26. Oktober 2006: Shalom Europa - Würzburg hat ein neues Gemeindezentrum. ...Inhalt trifft Geist - Zeichen des Vertrauens: Viel Lob für einen kulturellen und religiösen „Meilenstein”

Jüdische Allgemeine, 26. Oktober 2006: „Ein Traum wurde wahr” - Gespräch von Heide Sobotka mit Josef Schuster über die Würzburger Gemeinde, ihr neues Haus und Zufälle
Herr Schuster, fünf Jahre Bauzeit, nun ist es endlich geschafft, wie fühleen Sie sich?

Schuster: Ich freue mich, denn von dem, was jetzt vor uns steht, haben wir fast 13 Jahre lang geträumt. Die Planung begann ja nicht erst mit dem ersten Spatenstich vor fünf Jahren. Und es war mir am Anfang überhaupt nicht klar, ob das Projekt zu realisieren ist. Wir sind zwar am Ziel angekommen, aber jetzt geht die Arbeit eigentlich erst richtig los. Wir merken auch den Erwartungsdruck, der von der nichtjüdischen Öffentlichkeit hier in der Region kommt. Es wird noch einiges an Arbeit und Kraft kosten. Aber ich denke, dieses Gebäude zu sehen, zu kennen und zu wissen, ist allein schon die Droge, die man braucht, um das alles gut leisten zu können. Im vergangenen Jahr habe ich erleben können, wie sehr Gemeindevorstand und Mitarbeiter des Hauses motiviert sind. Ich sehe der Sache hoffnungsfroh entgegen.

Die ersten Neubaupläne gehen bis in das Jahr 1993 zurück. Das war die Zeit, als die ersten Zuwanderer kamen. Wie sind die neuen Gemeindemitglieder am Projekt beteiligt?

Schuster: Unsere neuen Mitglieder waren von Anfang an in das Projekt eingebunden. Unter anderem bei unserem musealen Vorhaben. Stichwort die Grabsteine aus der Pleich, die die Grundlage des musealen Bereichs bilden. Sich mit den Grabsteinen zu befassen, hieß für sie auch, sich mit der Geschichte der Gemeinde zu befassen und sich mit ihr identifiziieren zu können. Das Museumsprojekt hat sie in die Tradition der Gemeinde mitgenommen. Die neuen Mitglieder stellen auch einige der ehrenamtlichen Mitarbeiter, die sich dann als Museumsführer betätigen werden.

Am 23. Oktober wurde das Gemeindezentrum Würzburg, am 9, November wird das in München eingeweiht. Zufall?

Schuster: Die zeitliche Nähe ist zufällig und wiederum auch nicht. Am 4. Oktober 2000 hat die bayerische Staatsregierung den Bewilligungsbescheid zur finanziellen Beteiligung an beiden Neubauvorhaben erteilt. An diesem Tag gab Ministerpräsident Edmund Stoiber Erklärungen zu den Vereinbarungen mit der IKG München, dem Landesverband und der IKG Würzburg ab. Dasß wir jetzt auch so kurz hintereinander die Zentren eröffnen, ist aber ein Zufall.

Ist diese zeitliche Nähe auch ein Ausdruck des pulsierenden jüdischen Lebens in Bayern?

Schuster: Es ist sicherlicxh auch Ausdruck dessen, daß jüdisches Leben in Bayern wieder einen größeren Stellenwert bekommen hat. Hinzu kommt, daß -  ohne der Meinung von Frau Knobloch vorgreifen zu wollen - wir beide sehr bewußt Gemeindezentren haben, die sich auch nach außen darstellen und die jüdisches Leben als festen Bestandteil der Region und der Stadt sichtbar machen wollen.

Das Würzburger Gemeindetzentrum nennt sich „Shalom Europa”, heißt also einen ganzen Erdteil willkommen. denken Sie internationlaerals andere jüdische Gemeinden?

Schuster:, dasß es im 12. und 13. Jahhundert bereits sehr enge Beziehungen der Jüdischen Gemeinde zu den benachbarten europäischen Staaten gab. Auf der anderen Seite haben wir in Zusammenarbeit mit der Ronald S. Lausder Foundation eine Jugendtagungsstätte integriert, die als Seminarzentrum für jüdische Jugendliche sowohl aus dem Bundesgebiet wie auch aus dem benachbarten europäischen Ausland gedacht ist. Somit hat der Name Shalom Europa einen doppeldeutigen Hintergrund, die Historie und die Zukunft.

Was haben die Stadt und die jüdische Gemeinde Würzburg an sich, daß ausgerechnet hier ein solcher Jugendschwerpunkt gesetzt wird?

Schuster: Auch das hat zwei - eher pragmatische - Gründe. Als die Überlegungenzu einem Begegnungszentrum aufkamen, hatten wir in der Gestalt des ehemaligen Alteinheims den notwendigen Raum zur Verfügung. Zum zweiten sind wir in Würzburg verkehrsmäßig sehr gut angebunden, egal ob per Autobahn, Zug oder Flugzeug.

Wie werden Sie das Zentrum nutzen, wer trägt die Verantwortung?

Schuster: Für die Jugendtagungsstätte gibt es eine Vereinbarun mit der Lauder Foundation, die uns mit einer Million US-Dollar auch gefördert hat. Sie hat das Recht, 80 Tage im Jahr die Tagesstätte räumlich zu nutzen. Dabei bekommen wir nur die tatsächlich entstehenden Kosten erstattet, erhalten aber keine Raummiete mehr. Über diese 80 Tage hinaus hat die Jüdische Gemeinde die Möglichkeit, nach eigenem Ermessen auch an andere Interessenten zu vermieten. Lehava war einmal da, wir hatten Veranstaltungen des Landesverbandes, wir hatten ein Jugendseminar aus dem Bereich Oberrat Baden. Dabei trägt der Veranstalter die Verantwortung für die Semniare. Wir achten allerdings darauf, was im Hause geschieht. Das Zentrum ist Bestandteil der traditionell geführten jüdischen Gemeinde Würzburg, und daher legen wir Wert auf entsprechendes Verhalten. Wenn jemand am Freitagabend eine Beatpart< veranstalten will, geht das nicht.

Jüdische Allgemeine, 26. Oktober 2006: Tradition und Zukunft - Lebendig orthodox_ Wie sich die Würzburger Juden selbst verstehen

Jüdische Allgemeine, 26. Oktober 2006: Süßkind, Fechenbach und Amichai -Anekdoten und historische Spuren aus Würzburgs jüdischer Geschichte

Jüdische Allgemeine, 26. Oktober 2006: Funktional - Das Gemeindezentrum, Ein Rundgang

Frankfurter Allgemeine Zeitung, 25. 10.: Der steingewordene Wille zum Bleiben - Zwei neue jüdische Zentren und eine Schule / Von Hans Riebsamen
"Wer ein Haus baut, will bleiben." Als Salomon Korn, der heutige Vizepräsident des Zentralrats der Juden in Deutschland, diesen Satz vor 20 Jahren zur Eröffnung des Jüdischen Gemeindezentrums im Frankfurter Westend aussprach, stand für viele Juden in Deutschland immer noch die Frage im Raum: "Gehen oder bleiben?" In diesen Tagen werden neue jüdische Häuser eröffnet: Am vergangenen Montag das neue Gemeinde- und Kulturzentrum an der Valentin-Becker-Straße in Würzburg; am 31. Oktober die Lichtigfeldschule im Philanthropin in Frankfurt, eine jüdische Ganztagsschule mit einem Gymnasialzweig bis zur neunten Klasse; am 9. November, dem Erinnerungstag an die Pogromnacht von 1938, die neue Synagoge und das neue Gemeindezentrum am Jakobsplatz in München.
Gehen oder bleiben? "Diese Frage ist jetzt wirklich entschieden", sagt Charlotte Knobloch, die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, unter Hinweis auf diese und andere Bauprojekte. Nicht alle Kinder und Enkel jener Juden, die nach dem Krieg in Deutschland gestrandet oder hängengeblieben sind, haben sich fürs Bleiben entschieden. Die Tochter des einstigen Zentralratspräsidenten Ignatz Bubis etwa ist nach Israel ausgewandert. Doch die Mehrheit hat hier, symbolisch gesprochen, ein Haus gebaut. Und viele Tausende, die den Grundstein für eine neue Existenz in Deutschland legen wollen, sind hinzugekommen, nämlich 200 000 Juden aus den ehemaligen Ostblockstaaten, die nach dem Fall des Eisernen Vorhangs als sogenannte Kontingentflüchtlinge hergekommen sind. Etwa die Hälfte von ihnen hat sich einer Jüdischen Gemeinde angeschlossen, so daß die organisierte jüdische Gemeinschaft heute etwa 110 000 Köpfe zählt.

Als Charlotte Knobloch im Juni dieses Jahres zur Nachfolgerin des verstorbenen Präsidenten Paul Spiegel bestimmt wurde, sprach sie von ihrem "Traum" - dem Traum, daß das deutsche Judentum wieder die alte Zahl, die alte Bedeutung erreiche wie vor 1933, vor dem Holocaust. In München, ihrer Heimatstadt, hat er sich mittlerweile erfüllt, denn mit rund 9000 Mitgliedern zählt die Israelitische Kultusgemeinde ungefähr so viele Köpfe wie vor Hitlers Machtübernahme. Mit der neuen Synagoge und dem neuen Gemeindezentrum kehrt die Kultusgemeinde ganz und gar in die Münchener Innenstadt zurück - "in die Mitte der Gesellschaft", sagt Knobloch, "dorthin, wohin wir gehören".
Auch in Würzburg ist die Jüdische Gemeinde seit dem Zusammenbruch des Kommunismus in Osteuropa und der Sowjetunion gewaltig angewachsen - von 200 auf 1100 Mitglieder. Wie in vielen anderen Städten ist dadurch die überalterte und dahinsiechende Gemeinschaft zu neuen Kräften gekommen - wofür das neue Zentrum das sichtbarste Zeichen ist. Doch im Gegensatz zu München wird das unterfränkische Judentum wohl nie wieder zur alten Stärke zurückfinden. Wie reich jüdisches Leben vor der Nazi-Zeit um Würzburg geblüht hat, kann man auf einer Karte im Museum des neugebauten Komplexes sehen. Über hundert jüdische Gemeinden existierten vor 1933 in Unterfranken, es war die am dichtesten mit Juden besiedelte Region Deutschlands. Geblieben sind in den kleinen Orten Spuren der zerstörten Synagogen und Gebetshäuser. Und Grabsteine, 1500 Fragmente, gefunden 1987 beim Abriß des ehemaligen Markusklosters im Würzburger Stadtteil Pleich, Zeugnisse der frühesten jüdischen Gemeinde aus dem 12. bis 14. Jahrhundert. Diese Grabsteine liegen jetzt gut geschützt im Keller des neuen Museums, auf diesen ältesten Relikten erhebt sich sozusagen das ganze neue Haus.
Knapp zwölf Millionen Euro hat das Würzburger Gemeinde- und Kulturzentrum gekostet, eine Summe, welche die Gemeinde nie und nimmer allein hätte zusammentragen können. Sie hat das Grundstück an der Valentin-Becker-Straße beigesteuert, das einzige nennenswerte Vermögen, über das sie verfügte. "Mehr hätten wir nicht aufbringen können", sagt Josef Schuster, der Vorsitzende der Gemeinde und Präsident des Landesverbandes der israelitischen Kultusgemeinden in Bayern. Der grauhaarige Internist, dessen nach Israel emigrierter Großvater im hohen Alter nach Würzburg zurückkehrte, widerspricht nicht der Vermutung, daß die Finanzierung des Projekts ihm einige zusätzliche graue Haare beschert hat. Das Geld für den Bau - und dies gilt auch für das rund 60 Millionen Euro teure Zentrum in München - kommt größtenteils von der öffentlichen Hand: In Würzburg hat das Land Bayern den größten Batzen beigesteuert, in München hat auch die Stadt 20 Millionen aus einem Grundstücksgeschäft hinzugegeben. Zugute gekommen ist den Würzburgern der regionale Proporz im Freistaat. Nachdem die Regierung Stoiber sich im Süden in München engagierte, mußte sie auch im Norden des Landes etwas tun.

Wie andere Gemeinden auch ist die Würzburger Gemeinde nicht mit Reichtümern gesegnet. Die Grundstücke und Vermögenswerte der Vorgängergemeinde sind zwar nach dem Krieg zurückgegeben worden, jedoch an die Jewish Restitution Successor Organisation (Irso), die wie überall in Deutschland die Objekte verkaufte, um jüdisches Leben außerhalb Deutschlands, etwa in Israel, zu unterstützen. Denn damals war nicht vom Bleiben die Rede, sondern nur vom Gehen. Für Zionisten und jüdische Funktionäre war es undenkbar, daß im Lande der Judenvernichtung dauerhaft weiter Juden leben würden.
Diese zweite Enteignung macht den jüdischen Gemeinden in Deutschland noch heute zu schaffen. Ihre selbstgestellte Aufgabe, die in der Regel mittellosen und auch meist dem Judentum entfremdeten Zuwanderer zu integrieren und ihnen die Grundlagen der jüdischen Religion und Kultur zu vermitteln, können sie nur erfüllen, wenn sie Mittel vom Staat bekommen. Das gilt auch für die finanziell verhältnismäßig stabile Frankfurter Gemeinde. Der Umzug ihrer Schule aus dem Gemeindezentrum ins traditionsreiche Philanthropin, vor dem Krieg eine der berühmtesten jüdischen Lehrstätten im Land, sowie der Aufbau eines Gymnasialzweiges wären ohne die Hilfe der Stadt Frankfurt und des Landes Hessen nicht möglich gewesen.

Ene "Renaissance" des Judentums? Zentralratspräsidentin Knobloch widerspricht nicht. Doch es bleibt ein Makel: Die Zentren in München und Würzburg, auch das Frankfurter Philanthropin und all die anderen jüdischen Einrichtungen in Deutschland gelten als gefährdete Objekte und müssen rund um die Uhr vor Terroristen, und Neonazis geschützt werden. Früher hatte Charlotte Knobloch geglaubt, es komme einmal eine Zeit ohne Gefährdung. Doch am Dienstag sagte sie in Berlin: "Antisemitische und rechtsradikale Attacken haben eine Offensichtlichkeit und Aggressivität erreicht, die an die Zeit nach 1933 erinnern." Jüngste Ereignisse wie das öffentliche Verbrennen des Tagebuchs der Anne Frank in Sachsen-Anhalt zeigten, daß Antisemitismus und Rechtsextremismus in einigen Gesellschaftsschichten fest verankert seien.

Compasss - Infodienst Jüdische Welt, 25. 10. 2006: Interview mit Daniel Alter, Rabbiner in Oldenburg ...Shalom Europa als Symbol der Aussöhnung...

Süddeutsche Zeitung, 24. 10. 2006; „Shalom Europa - wo Steine Geschichten erzählen

Nürnberger Nachrichten, 24. 10. 2006: Tausend Grabsteine bilden Fundament des neuen Zentrums

TV Touring Aktuell, 24. 10. 2006 Kanal 8,  24.10.2006: Video-Beitrag „Shalom Europa feierlich eingeweiht”

haGali.com, 24.10.2006: Ernst Cramer zur Einweihung von „Shalom Europa”: Vertrauen, Freiheit, Versöhnung
Versöhnung über die Grenzen der Religionen und damit für die Welt - danach zu streben ist nach der Ansicht von Ernst Cramer, dem Vorsitzenden der Axel-Springer-Stiftung, Aufgabe auch des neuen Jüdischen Gemeinde- und Kulturzentrums „Shalom Europa” in Würzburg, zu dessen Einweihung er am 23. Oktober 2006 den Festvortrag hielt.
Cramer, der als junger amerikanischer Offizier im Frühsommer 1945 in die fast total zerstörte Stadt Würzburg kam und der in seiner Rede eindrucksvoll seine Begegnung mit der Handvoll überlebender Juden, die gewissermaßen auf gepackten Koffern saßen und auf die Auswanderung warteten, erinnerte an den damaligen Satz des Rabbiners Leo Baeck: „Die Epoche der Juden (in) Deutschland ist ein für allemal vorbei”. Heute, nach über sechzig Jahren, lebten wieder mehr als 100000 Juden in Deutschland. „Daß es wieder Judentum in Deutschland gibt, dafür ist diese Einweihung ein weithin sichtbarer Beweis”.
Es sei nicht das alte deutsche Judentum - „deutsches Bürgertum par excellence”, auch nicht das früher in Deutschland nie existierende und hierzulande oft vorgegaukelte Klezmer-Judentum. Es gebe heute nicht nur ein anderes, ein besseres, ein geläutertes Deutschland, das wieder an die hehren und ehrwürdigen Tugenden seiner Geschichte angeknüpft hat. Es gebe auch neue jüdische Gemeinden, die sich als Teil dieses neuen Deutschland verstünden.
Cramer verwies auf den nie ausgestorbenen und in vielen Teilen der Welt, besonders in Europa, wieder aufflammenden Antisemitismus. Ihn zu bekämpfen, sei keine Aufgabe für Juden allein, sondern ein gesamtgesellschaftlicher Auftrag, Wo es, wie beim islamistischen Terror, „viel mit Religion, mit mißverstandener Religion” tun habe, müsse aufgeklärt, für Verständnis geworben und wenn nötig entschlossen abgewehrt werden. Immer aber müsse man bereit zum Gespräch und zum aussöhnenden Miteinander sein.
Duckmäusertum und Selbstzensur - wie etwa bei der Diskussion um die Berliner Inszenierung der Mozart-Oper „Idomeneo” seien keine akzeptablen Lösungen. Ihm gefalle die Inszenierung von „Idomeneo” nicht, ebenso sei er vor Jahren ein Gegner der Aufführung des Dramas „Corps Christi”, und auch sei er gegen den Abdruck der recht harmlosen Karrikaturen des Propheten Mohammed gewesen. Er hätte auch gerne Papst Benedikt XVI geraten, in seiner der Versöhnung von Glaube und Vernunft gewidmeten Augsburger Rede das Zitat des byzantinischen Kaisers nicht zur verwenden. „Dennoch stehe und streite ich für die absolute Freiheit der Kunst. Auch für mich gilt der berühmte Ausspruch Voltaires zur Meinungsfreiheit, der beteuerte, auch wenn er den Standpunkt eines anderen nicht teile, wäre er doch bereit, dafür zu sterben, daß er geäußert werden darf.”. Der Jüdischen Gemeinde zu Würzburg wünsche er, das auch sie in Fragen der Freiheit Voltaire zum Vorbild nehme. „In dem Gemeindezentrum, das wir heute einweihen, wird die Freiheit in diesem Sinn gepflegt werden, obwohl das Wort Freiheit im alten Testament nur einmal - bei Jesaja - vorkommt”.
Gleich wichtig sei aber auch die Versöhnung. Cramer erinnerte an Papst Johannes Paul II, der unter Bezug auf die Bibel Juden und Christen als Nachkommen Abrahams als dazu berufen gesehen hatte, „Segen für die Welt zu sein”. Dieser Aussage sei später, als die Auseinandersetzung mit dem Islam einem Höhepunkt zustrebte, vom Zentralkomitee der Deutschen Katholiken mit der Formulierung ergänzt worden: „Wir hoffen, auch die Muslime, die sich ebenfalls auf die Abrahahmskindschaft beziehen, für diese Verpflichtung zu gewinnen”
„So schwer das ist, genau das ist unser aller Auftrag - natürlich auch die Aufgabe jedes jüdischen Lehrhauses, also auch dieses Gemeindezentrums: daß nämlich „die Hand ausgestreckt bleibt zur Versöhnung, und zwar nicht nur mit denen, die selbst Verständigung wünschen , sondern auch mit solchen, die heute noch uneinsichtig sind. Schließlich sind wir alle Schwestern und Brüder, auch wenn wir das allzu gerne und viel zu oft vergessen . „Der Jüdischen Gemeine zu Würzburg wünsche ich, das sie den göttlichen Auftrag - Segen für die Welt zu sein - nie vergißt.”
Das neue Zentrum baut - beinahe buchstäblich - auf der Lagerstätte des weltweit größten Fundes von Grabsteinen und Grabsteinfundamenten aus dem Mittelalter auf. Als kulturelles Gedächtnis eines über viele Jahrhunderte europaweit respektierten Sitzes jüdischen Lebens bilden sie im Basisgeschoß unter dem Innenhof gleichsam das Fundament. Eine Auswahl der „Judensteine” wird im musealen Teil des Gebäudes helfen, traditionelles jüdisches Leben im 21. Jahrhundert transparent zu machen.
„Shalom Europa” - der Name ist Programm. Auf einem Areal rund um die bereits bestehende und jetzt erweiterte Synagoge ist ein Gebäudekomplex entstanden, der in seiner Gestaltung und Zuwidmung auf eine einzigartige Weise sowohl den Anforderungen einer wachsenden Gemeinde als auch einer weit über die regionalen Grenzen hinausreichenden Vision Rechnung trägt. Wichtige Bestandteile des Zentrums sind ferner u.a. ein in Kooperation mit der R.S. Lauder Foundation entstandenes Seminarzentrum mit Schabbatprogrammen und religiösen Fortbildungskursen für junge Menschen aus Gemeinden in Deutschland und dem übrigen Europa. und ein von der Stadt Würzburg und dem Bezirk Unterfranken betriebenes Dokumentationszentrum für jüdische Geschichte und Kultur in Unterfranken.

Märkische Oder-Zeitung, 24. 10. 2006: Stoiber würdigt neues jüdisches Zentrum als ‘Symbol der Aussöhnung’

Bietigheimer Zeitung, 24. 10. 2006: Stoiber würdigt neues jüdisches Zentrum als ‘Symbol der Aussöhnung’

Neue Zürcher Zeitung, 24 10. 2006: Modernes Leben über alten Grabsteinen
Am Montag ist das neue jüdische Gemeindezentrum in Würzburg Shalom Europa in Anwesenheit zahlreicher bundes- und landespolitischer Prominenz sowie von Vertretern aller Kirchen offiziell eröffnet worden. Nach fünfjähriger Bauzeit erhalten die mittlerweile rund 1100 Gemeindemitglieder damit nicht nur neue und sehr schöne Räume für ihre Feiern und Veranstaltungen. Vielmehr ruht das Gebäude sozusagen auf dem kulturellen Gedächtnis der Gemeinde. Denn im Kellergeschoss direkt unter dem einladenden Innenhof lagern über 1500 Grabsteine und Fragmente aus dem Mittelalter. Einige Grabsteine dienen im ebenfalls neu errichteten Museum des Gemeindezentrums als Wegweiser zur Darstellung traditionellen jüdischen Lebens orthodoxer Ausprägung.

Die Würzburger Juden im Mittelalter
Würzburg und Unterfranken verzeichneten im Mittelalter die dichteste jüdische Besiedlung in ganz Deutschland. Die Grabsteine sind das älteste Zeugnis jüdischer Präsenz in Würzburg und zugleich der weltweit grösste Fund von Grabsteinen eines jüdischen Friedhofs. Die Steine datieren aus den Jahren 1129 bis 1346. Gefunden wurden sie 1987 beim Abriss eines ehemaligen Klosters im Würzburger Stadtteil Pleich und werden deshalb heute auch als die "Judensteine aus der Pleich" bezeichnet. Karlheinz Müller, Professor für Judaistik an der Universität Würzburg, hat mit seinen Kollegen Schimon Schwarzfuchs und Rami Reiner aus Tel Aviv sowie Eva Haverkamp aus Houston und vielen Studenten in den letzten Jahren die Steine gereinigt, entziffert und wissenschaftlich ausgewertet.
Dabei habe man erstaunlicherweise nichts über die weltlichen Berufe oder den erworbenen Reichtum der Verstorbenen erfahren, erzählt Müller im Gespräch. Hingegen seien ausschliesslich Nachrichten über die Tätigkeiten in der jüdischen Gemeinde verzeichnet. Wenn über Eigenschaften der Toten berichtet werde, dann immer in Zusammenhang mit ihren Aufgaben in der Gemeinde. Ausserdem wurde jedes Mal das genaue Todesdatum eingemeisselt, wenn möglich mit Verweis auf jüdische Feiertage. Man habe so sehr viel über die Gemeindeaktivitäten wie auch über die Familienbande der damaligen Juden erfahren, betont Müller. Man wisse nun, dass bedeutende Gelehrte oder Kinder von an anderen Orten Deutschlands tätigen Rabbinern damals in Würzburg gelebt hätten. Und die Vielfalt an verzeichneten Ämtern, die die Toten in der damaligen Gemeinde wahrgenommen hätten, zeige, dass es sich um eine grosse und in der religiösen Lehre sehr bedeutende Gemeinde gehandelt haben müsse.

Wissen für Juden und Nichtjuden
Diesen kulturellen Schatz adäquat unterzubringen und ihn zugleich den heute in Würzburg und anderswo lebenden Juden, aber auch Nichtjuden zugänglich zu machen, sei ein Hauptgrund für ein neues Gemeindezentrum mit Museum gewesen, erläutert Josef Schuster, der heutige Gemeindevorsteher. Der andere Hauptgrund sei der seit Anfang der 1990er Jahre durch den Zuzug jüdischer sogenannter Kontingent-Flüchtlinge aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion immer drängendere Platzmangel gewesen.
Die Neumitglieder wollten zwar in vielen Fällen aus ihrer Heimat weg, weil dort kein aktives jüdisches Leben möglich war. Doch zugleich wusste ausser allenfalls einigen alten Auswanderern kaum jemand wirklich, was Judentum bedeutet, oder nur vereinzelt kannte man jüdische Sitten und Gebräuche. Um diese Wissenslücke zu schliessen, das Bedürfnis nach Traditionen zu befriedigen, aber auch um die Ankömmlinge in der Vergangenheit zu verankern, wurde das Museum eingerichtet. Dabei habe man bewusst auf die Zurschaustellung von Preziosen und Kunsthandwerk verzichtet, berichtet Müller. Vielmehr wolle man traditionelles jüdisches Leben, wie es auch heute lebbar sei, darstellen.
Im Obergeschoss wird zum Beispiel erklärt, auf welchen Quellen jüdische Lehre und jüdisches Leben beruhen. Es liegt eine Tora-Rolle aus, aber auch die sogenannte mündliche Tora, also die in allen Jahrhunderten immer wieder erfolgten Interpretationen und Anpassungen der 613 aus der Tora abgeleiteten jüdischen Gebote an die jeweilige Zeit, wird erläutert. Die für Gebete oder rituelle Handlungen nötigen Gegenstände werden gezeigt und erklärt. Im Untergeschoss, das durch gelungene architektonische Kunstgriffe viel Licht hereinlässt und so hell und freundlich wirkt, wird das jüdische Leben in allen Facetten mit seinen wichtigen Stationen wie Beschneidung, Eheschliessung oder Begräbnis, allen Festtagen ebenso wie dem besonderen Kalender oder den Vorschriften des koscheren Essens dargestellt.
Passend zum jeweiligen Thema sind immer Grabsteine ausgestellt, die beispielsweise von einem Vorleser "mit süsser Stimme" berichten oder Toten gewidmet sind, die am jeweiligen Festtag verstorben sind. Das Museum will aber nicht nur Wissen vermitteln, sondern auch lebendiger Teil der Gemeinde sein. Wie dies konkret aussehen kann, erzählt Rosa Grimm vom Initiativkreis Shalom Europa, welcher den gesamten Bau mitinitiiert und tatkräftig unterstützt hat. So habe sich bereits vor der Eröffnung des Museums ein Paar angemeldet, das seine Eheschliessung im kommenden Jahr unter dem ausgestellten, von einem modernen Künstler gestalteten jüdischen Traubaldachin, der Chuppah, begehen will.
Doch auch die dunklen Kapitel jüdischer Geschichte in Würzburg und Deutschland werden nicht ausgespart. Mit Blick auf die gelagerten Steine erzählen Texttafeln wie einige Bilder von den immer wiederkehrenden Pogromen, gipfelnd in den unfassbar unmenschlichen Greueltaten des Naziregimes. Wenn man dann aus diesem fensterlosen Raum wieder in den von der Sonne beschienenen Innenhof tritt und der Blick auf die Kuppel der Synagoge oder das neue Jugendzentrum fällt, gewinnt man auch als nichtjüdische Betrachterin neuen Mut. Denn der Gebäudekomplex ist auch bewusst ein sichtbares Zeichen dafür, dass jüdisches Leben in einer aktiven Gemeinde in Würzburg wieder stattfindet.

Interkulturelle Begegnungsstätte
Doch die neuen Räumlichkeiten sollen nicht nur dem Gemeindeleben und der Erinnerung dienen. Im Jugendzentrum, das mit finanzieller Unterstützung der amerikanischen Ronald-S.-Lauder-Stiftung errichtet wurde, wird unter anderem die Stiftung an knapp 100 Tagen im Jahr Schabbat-Programme und Seminare für jüdische Jugendliche aus ganz Deutschland veranstalten. Zudem - und das zeigt die Bereitschaft der Gemeinde, aus Shalom Europa auch ein Begegnungszentrum für Juden und Nichtjuden zu machen - wird in diesen Räumen eine tägliche Nachmittagsbetreuung für die Kinder der zwei umliegenden Schulen eingerichtet.

Main-Echo, 24. 10. 2006: „Selbstbewußt darstellen” - Jüdisches Gemeindezentrum in Würzburg eröffnet

Die Tagespost, 24. 10. 2006: Aufleben mit Shalom Europa

BauNetz, 24. 10.. 2006:
Shalom Europa - Jüdisches Zentrum in Würzburg eröffnetAm 23. Oktober 2006 wurde in Würzburg das neue Jüdische Gemeinde- und Kulturzentrum „Shalom Europa“ eröffnet. Auf knapp 4.800 Quadratmetern entstanden ein neuer Gemeindesaal, ein Jugendzentrum sowie ein Museum. Der Komplex rund um eine 36 Jahre alte Synagoge hat 12 Millionen Euro gekostet und wurde vom Büro Grellmann Kriebel Teichmann aus Würzburg entworfen.
Die Anzahl der Gemeindemitglieder in Würzburg ist - besonders durch den Zuzug von Juden aus Osteuropa - von 200 auf mehr als 1.000 gestiegen. Der neue Gemeindesaal bietet Platz für 400 Besucher. Ein Zentrum für alte Menschen sowie Unterrichtsräume, ein Jugendzentrum mit 90 Schlafplätzen und einer koscheren Küche ergänzen das Angebot.
Ein Museum, das anhand von Grabsteinen die Geschichte des jüdischen Lebens im Mittelalter zeigt, wird an fünf Tagen in der Woche öffentlich zugänglich sein. Die Exponate aus den Jahren 1129 bis 1346 stammen aus dem weltweit größten Fund von jüdischen Grabsteinen: 1987 wurden in Würzburg auf dem Gelände eines ehemaligen Friedhofs rund 1.500 solcher Steine und Fragmente entdeckt. Die Steine bilden symbolisch das Fundament des neuen Gemeindezentrums an der Valentin-Becker-Straße.
Die Baukörper gruppieren sich um einen Innenhof. Die Zugänge zur Synagoge, zur Verwaltung, den Gemeinderäumen und dem Museum sind klar definiert. Im Nordosten öffnet sich das neu gestaltete Foyer der bereits 1970 eingeweihten Synagoge, die als geistliches Zentrum mit ihrer Kuppel von überall sichtbar bleibt. Der Lärm der Bahnlinie im Südosten wird von einem lang gestreckten Bau abgeschirmt, dessen Räume sich zum Innenhof orientieren.
Der Kopfbau an der Straße aus Schönbrunner Sandstein, der an die Tempelmauer in Jerusalem erinnert, hat durch die dem David-Schuster-Saal vorgelagerte künstlerisch gestaltete Glasfront einen eigenen Akzent.
Vor dem Gemeindezentrum weitet sich der Gehsteig zu einem Vorplatz. Eine einladende Passage zeigt den Eingang zu den Gemeinderäumen.
Das Museum ist zur Straße geschlossen und vom Innenbereich einsehbar. Erdgeschoss und Untergeschoss sind durch hohe Lichträume mit einer frei stehenden Treppe zu einer Einheit verschmolzen. Darüber befinden sich die Festräume. Der Festsaal ist mehrfach teilbar und mit eingestellter Empore auch synagogal nutzbar.
Auf der anderen Seite ist der Zugang zur Synagoge. Eine Brücke lässt sich am Laubhüttenfest als Sukkah zum Himmel öffnen und führt über ein Foyer zur Synagoge. Naturstein, Stahl, Aluminium, Putz, Ahornparkett und Linoleum prägen die Innenräume.

Kieler Nachrichten, 23. 10.. 2006: Shalom Europa: Würzburg lädt ein
Nach fünf Jahren Bauzeit wird heute in Würzburg das jüdische Gemeinde- und Kulturzentrum "Shalom Europa" eröffnet. Hinter dem Namen verbirgt sich ein ehrgeiziges Programm, denn die Stadt soll zu einem internationalen Treffpunkt für jüdisches Leben werden. Gleichzeitig wendet sich das Zentrum bewusst auch an Nichtjuden: Ein Museum soll als "Erlebnishaus" die Tradition des Judentums sowie das moderne jüdische Leben "transparent machen", betont Josef Schuster, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Würzburg. Entsprechend licht ist die Gebäudesprache: "Wir wollten, dass man reinschauen kann", so der Würzburger Architekt Gerhard Grellmann (69). "Shalom Europa sollte keine Festung werden." / Der Neubau war notwendig geworden, nachdem mit dem Fall des Eisernen Vorhangs immer mehr Juden aus Osteuropa nach Unterfranken strömten. 1990 zählte die jüdische Gemeinde Würzburg nur 200 Mitglieder, heute sind es 1100. Für die Zugereisten gilt es, Religionsunterricht zu organisieren, aber auch Deutschkurse, Kulturveranstaltungen und soziale Betreuung. Diesen Anforderungen soll nun der neue Bau gerecht werden. Der Komplex rund um eine 36 Jahre alte Synagoge kostete fast zwölf Millionen Euro und wurde vor allem mit öffentlichen Fördergeldern und Spenden finanziert. Auf knapp 5000 Quadratmetern entstanden - neben dem Museum - ein Gemeindesaal für 400 Besucher, eine Bibliothek, Unterrichtsräume und - laut Schuster einzigartig in Deutschland - eine Jugend-Tagungsstätte mit 90 Schlafplätzen und einer koscheren Küche, die jungen Juden aus ganz Europa für Treffen und Seminare zur Verfügung steht. Sie wurde gemeinsam mit der Ronald S. Lauder-Stiftung in New York konzipiert. / Dass "Shalom Europa" die Jüngsten im Auge behält, zeigt sich auch an den Plänen für eine gemeinsame Nachmittagsbetreuung von jüdischen und nichtjüdischen Schülern. Ab Februar 2007 können nach Angaben von Jsosef Schuster 50 Schüler der verschiedensten Schultypen gemeinsam im Haus betreut werden. Schuster ist überzeugt: "Auch damit werden Berührungsängste abgebaut." / Die größte Besonderheit von "Shalom Europa" reicht weit in die Vergangenheit zurück. 1987 wurden in Würzburg beim Abriss eines Hauses 1504 Grabsteine und -fragmente entdeckt - der weltweit größte Fund von Grabsteinen eines mittelalterlichen jüdischen Friedhofs. "Diese Steine sind Heimatgeschichte", sagte Karlheinz Müller, Theologie-Professor an der Würzburger Uni, der gemeinsam mit Kollegen die stummen Zeugen wissenschaftlich erforschte. "Diese Geschichte verbindet uns, sie verbindet Juden und Christen. Dieser Geschichte kann man sich nicht entziehen." / Die meisten Grabsteine, die aus dem 12. bis 14. Jahrhundert stammen, bilden jetzt symbolisch das Fundament des neuen Gemeindezentrums und sind in einem Kellerraum untergebracht. Ausgewählte Exemplare aber schlagen als "Wegweiser", wie Josef Schuster es nennt, die Brücke von einst zur Gegenwart. Sei etwa jemand vor hunderten von Jahren an einem jüdischen Feiertag geboren oder hatte ein bestimmtes religiöses Amt, werde parallel darauf verwiesen, wie entsprechendes jüdisches Leben in der Gegenwart aussieht. Wer mehr über jüdische Riten, Kultgegenstände und Glaubensgrundsätze erfahren möchte, ist von Sonntag bis Donnerstag im Museum willkommen.

Bayern heute, Bayern-Radio 2 ohne Datum: Shalom Europa" - ein Symbol der Aussöhnung – Im Internet abrufbar unter

Fünf Jahre hat der Bau gedauert,am Montagist das neue jüdische Gemeinde- und Kulturzentrum "Shalom Europa" in Würzburg eröffnet worden. Auf knapp 4.800 Quadratmeternsind ein neuer Gemeindesaal, ein Dokumentationszentrum, ein Museum und ein Jugendzentrum entstanden. Mit demZentrum wird ein neues Kapitel in der jüdischen Geschichte Würzburgs aufgeschlagen.

Mehr als 400 Gäste aus Politik, Kultur und Gesellschaft haben an der Einweihung des Zentrums am Montagabend teilgenommen. Während des Festakts bezeichnete Ministerpräsident Edmund Stoiber die neue Kulturstätte als herausragendes Symbol christlich-jüdischer Aussöhnung: "Der Neubau steht für eine neue Qualität jüdischen Lebens in der Region und zeigt, dass jüdisches Leben in Deutschland wieder eine geistige und kulturelle Heimat und ein religiöses Zuhause gefunden hat". Dem stimmte auch die Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch zu: "Wer baut, der bleibt. Mehr noch: Wer baut, der hat seine Heimat gefunden."

Neonazistische Demonstrationen im Vorfeld des Baus 

Knobloch verwies aber auch auf die steigende Anzahl rechtsextremer Gewalttaten in Deutschland: Wer hier von Einzelfällen spreche, verkenne die Gefahr. Auch der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Würzburg, Josef Schuster, räumte ein: Angesichts der vielen Neonazi-Demonstrationen der letzten Wochen, komme die Frage auf, ob ein solcher Bau richtig sei. "Ich glaube, es ist richtig", resümierte Schuster in seiner Eröffnungsrede. Edmund Stoiber nannte die rechtsextremen Gewalttaten eine politische und gesellschaftliche Herausforderung, die man annehmen müsse.

Gesamtbaukosten 11,7 Millionen Euro

Die Errichtung des Zentrums zog sich mit fünf Jahren Bauzeit in die Länge, weil auf dem Grundstück an der Valentin-Becker-Straße noch das alte, kleinere Gemeindezentrum und die 37 Jahre alte Synagoge stand. Diese Altbauten wurden nicht abgerissen, sondern das neue Gebäude um sie herum gebaut. Die Finanzierung des 11,7 Millionen Euro teuren Projekts wurde vorwiegend durch öffentliche Fördergelder und Spenden möglich, die Bayerische Staatsregierung beteiligte sich mit rund 7,3 Millionen an der Realisierung.

Verknüpfung von Moderne und Sicherheit

Ein neues Zentrum war schon seit längerem notwendig geworden: Die Anzahl der Mitglieder in Würzburg ist seit der Deutschen Einheit durch den Zuzug von Juden aus Osteuropa von 200 auf mehr als 1.000 Mitglieder gestiegen. Der alte Saal war jedoch lediglich für 100 Menschen ausgelegt. Der neue Gemeindesaal bietet nun Platz für 400 Besucher. Bei der Konstruktion des gesamten Gebäudes wurde versucht, moderne Elemente mit Sicherheitsaspekten zu verknüpfen: So besteht der Saal auf der einen Seite zwar aus einer großen Glaswand - von der Straße aus ist die Wand jedoch blickdicht gestaltet.

Ein Servicezentrum für alte Menschen sowie Unterrichtsräume sollen die Gemeindearbeit verbessern. Im Jugendzentrum mit 90 Schlafplätzen und einer koscheren Küche können sich Jugendlichen aus ganz Europa treffen und Seminare besuchen. Das Dokumentationszentrum mit großer Bibliothek ermöglicht

Sensationsfunde aus dem Mittelalter 

Einige Jahre vor Baubeginn wurden bei Abrissarbeiten in einem alten Stadtteil Würzburgs 1.519 jüdische Grabsteine und Grabsteinfragmente aus dem Mittelalter ausgegraben. Die Inschriften stammen aus den Jahren 1129 bis 1346 und zeigen, dass die Gemeinde schon damals enge Kontakte zu anderen jüdischen Gemeinden in ganz Europa pflegte. Mit dem Bau des Zentrums ist nun auch dieser weltweit größte Fund angemessen untergebracht. Das neue jüdische Zentrum ist aber nicht nur den jüdischen Bürgern vorbehalten: Der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Würzburg, Josef Schuster, möchte, dass sich das Zentrum sowohl an Juden als auch an Nichtjuden wendet: "Wir wollen ein offenes Haus sein". schließlich einen Einblick in die Tradition des Judentums sowie in das moderne jüdische Leben.

Jüdisches Leben in Bayern – Würzburgs Aufbruch nach Europa.
Eine ausführliche Würdigung der Geschichte, der Gegenwart und der projektierten Zukunft der  Jüdischen Gemeinde Würzburg – auf dem Internet abrufbar unter www.br-online.de/bayern-heute

Märkische Oderzeitung: 23.10. 2006: Stoiber würdigt neues jüdisches Zentrum als „Symbol der Aussöhnung”

Welt am Sonntag, 22. 10. 2006: Heimat für die Pleicher Grabsteine

Main-Echo, 21./22. 10. 2006: Im Bewußtsein des Vergangenen. Im freudigen Hoffen auf die Zukunft - zweiseitige Berichterstattung über das Jüdische Gemeinde- und Kulturzentrum in Würzburg

 Main-Post, 21. 10. 2006: Treffpunkt und Ort der Integration - Die vielfältigen Aufgaben des jüdischen Zentrums Shalom Europa

 Glaube aktuell net, 21. 10.. 2006: Jüdische Zentrum ‚Shalom Europa’ vor Eröffnung

epd Evangelischer Pressedienst, 20. 10.. 2006: Mit Shalom Europa in eine neue Epoche
Nach fünfjähriger Bauzeit hat die israelitische Kultusgemeinde in Würzburg und Unterfranken ihr neues Gemeinde- und Kulturzentrum "Shalom Europa" eingeweiht. Der 11,7 Millionen-Bau neben der bestehenden Synagoge trägt dem starken Wachstum der jüdischen Gemeinde in Würzburg Rechnung, wie Vorsitzender Josef Schuster erklärte. Durch so genannte Kontingentflüchtlinge aus Osteuropa sei sie in 15 Jahren von 200 auf 1.100 Mitglieder angewachsen.

Für den Präsidenten des Landesverbandes der zwölf israelitischen Kultusgemeinden in Bayern und Mitglied des Zentralrats der Juden in Deutschland stellt Shalom Europa einen Höhepunkt in der 900-jährigen Geschichte Würzburger Juden und der 1.300-jährigen Geschichte der Stadt dar. Das Zentrum stelle das nordbayerische Gegenstück zum neuen jüdischen Gemeindezentrum in München dar, dessen erster Bauabschnitt am 9. November eingeweiht wird.

Der Würzburger Neubau wurde über den ältesten Zeugnissen jüdischen Lebens der fränkischen Mainmetropole errichtet, den so genannten Judensteinen aus dem Stadtteil Pleich. Die über 1.500 Grabsteine und Grabsteinfragmente gelten als weltweit größter Fund aus einem mittelalterlichen jüdischen Friedhof.

"Als kulturelles Gedächtnis eines über viele Jahrhunderte europaweit respektierten Sitzes jüdischen Lebens sollen sie im musealen Teil des Gebäudes dazu beitragen, traditionelles jüdisches Leben im 21. Jahrhundert transparent zu machen", erklärte der katholische Würzburger Theologieprofessor Karlheinz Müller. Der emeritierte Judaist hat die 1987 bei Abbrucharbeiten entdeckten Steine wissenschaftlich erforscht und die Museumsräume im Erd- und Kellergeschoss konzipiert.

Neben einem Gemeindesaal mit 400 Sitzplätzen, Seminarräumen und einem "Altenservice-Center" wurde im Zentrum auch eine Jugendtagungsstätte mit 90 Schlafplätzen eingerichtet, die zum internationalen Ruf der neuen Einrichtung beitragen soll. Sie entstand in Zusammenarbeit mit der Ronald S. Lauder Foundationen New York, die in Würzburg Schabbatprogramme und religiöse Fortbildungskurse anbieten will. Die Stiftung des amerikanischen Kosmetik-Konzerns Estée Lauder hat sich die Wiederbelebung des mittel- und osteuropäischen Judentums zum Ziel gesetzt und eine Million US-Dollar für das Zentrum zur Verfügung gestellt.

Ebenfalls in den neuen Räumen untergebracht ist ein von der Lauder-Stiftung geförderter Informationsdienst. Das Epharim-Gustav-Hoenlein-Projekt hilft deutschstämmigen Juden beim Rekonstruieren ihrer Familiengeschichte. Verbesserte Arbeitsbedingungen findet ein von der Stadt Würzburg und dem Bezirk Unterfranken unterhaltenes Dokumentationszentrum für jüdische Geschichte und Kultur.

Unterfranken hatte zeitweise die dichteste jüdische Besiedlung Deutschlands. Im 19. Jahrhundert, so Schuster, erlangte die "Würzburger Orthodoxie" mit ihrer vermittelnden Position im innerjüdischen Reformstreit weltweites Ansehen. Die später gegründete Israelitische Lehrerbildungsanstalt sei bis zur Schoah eine der führenden Einrichtungen ihr Art mit europäischer Ausstrahlung gewesen.

Die im orthodoxen Stil geführte jüdische Gemeinde Würzburg gilt als einzige Nordbayerns mit intakter traditioneller Infrastruktur. In der Bischofsstadt, wo seit fünf Jahren mit Jakov Ebert auch ein eigener Rabbiner tätig ist, habe es seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs ohne Unterbrechung allwöchentlich einen hebräischen Schabbatgottesdienst und eine allen Juden stets zugängliche, sorgfältig überwachte koschere Küche gegeben, betont Schuster, der als Internist tätig ist. Auch in den neuen Räumen würden "alle Gesetze des Judentums streng beachtet."

Shalom Europa wurde nicht zuletzt im Blick auf seine Integrationsbemühungen zu mehr als der Hälfte von der Bayerischen Staatsregierung, der Bayerischen Landesstiftung und dem Bayerischen Sparkassen- und Giroverband finanziert. Der Bezirk Unterfranken steuerte eine Million Euro bei. Zuschüsse und Spenden gab es auch von beiden großen Kirchen, aus der Wirtschaft und von privaten Förderern. Die jüdische Gemeinde selbst stellte das Grundstück zur Verfügung und hofft für die noch offenen 700.000 Euro der Baukosten auf weitere Unterstützung.                                                                                                 Gerhard Lenz

Main-Post, 20. 10. 2006: Kraft, Licht und Freiheit - Neues jüdisches Zentrum Shalom Europa mit beeindruckener Architektur - von Wolfgang Jung

Main-Post, 19. 10. 2006: „Wir wollen zeigen, dass es eine jüdische Gemeinde gibt” - Gespräch von Wolfgang Jung mit Josef Schuster, Vorsitzender der Israelitische Kultusgemeinde in Würzburg und Unterfranken
Frage: Was wird Shalom Europa den Nichtjuden bringen?

Josef Schuster: Für Nichtjuden hat Shalom Europa primär eine museale Funktion. Wir zeigen traditionelles jüdisches Leben, ausgehend von 1500 mittelalterlichen Grabsteinen und Grabsteinfragmenten, die in Würzburg gefunden wurden. Wir zeigen, was Judentum eigentlich ist und wie es sich darstellt.

 Dank des Zuzugs der Kontingentflüchtlinge aus der einstigen Sowjetunion ist die Gemeinde in den vergangenen 15 Jahren enorm gewachsen, von 200 au 1100 Mitglieder. Soll Shalom Europa die Gemeinde zusammenhalten?

Schuster: Das klingt wie die Schafherde, um die der Hund herumläuft. Nein, es soll der Gemeinde die räumlichen Möglichkeiten bieten, sich entfalten zu können, und damit auch wichtige Integrationsaufgaben wahrzunehmen.

 Mit den 900 Zuwanderern aus Osteuropa kamen andere Kulturen, Denkweisen und religiöse Auffassungen in die Gemeinde. Sie als Vorsitzender müssen das alles zusammenfügen.

Schuster: Das Problem ist, dass eine Minorität versucht, eine Majorität zu integrieren. Wir tun das mit einem gar nicht so schlechten Erfolg. Wir haben die Ersten, die kamen - das waren Einzelne - mit offenen Armen empfangen und individuell betreut. Heute sind sie der deutschen Sprache sehr gut mächtig, sprechen aber auch noch Russisch und können den Zuwanderern genau den Weg zeigen, den wir ihnen ursprünglich gezeigt haben. Sie helfen uns sehr bei der Integrationsarbeit.

 Mitglieder der jüdischen Gemeinde können nur Juden sein. Mit den jüdischen Zuwanderern kamen aber auch  viele nichtjüdische Familienangehörige nach Unterfranken. Müssen die draußen bleiben?

Schuster: Nein, eine Synagoge ist ein offenes Gotteshaus, da kann der nichtjüdische Partner mitkommen. Wir gründeten einen eigenen Verein, in dem sowohl der jüdische als auch der nichtjüdische Partner Mitglied werden kann. Auf diese Weise finden auch die nichtjüdischen Partner eine Bindung an die Gemeinde. Wir haben in diesem Verein eine klare Regelung. Man kann alles Mögliche machen, es darf nur nicht dem Judentum entgegenstehen. Das war mi eines der Geheimnisse, die in Würzburg einen Erfolg gebracht haben.

 Was darf  der Verein nicht?

Schuster: Im Klartext: Einen Vortrag über die besondere Güte des Schweinefleischs würden wir nicht wollen.

 Die Bundesrepublik hat Probleme mit der Integration, obwohl die aufnehmende Gesellschaft um ein Vielfaches größer ist als die Zahl der Zuwanderer. Was macht die Jüdische Gemeine in Unterfranken bessere als der Staat?

Schuster: Ich denke, wir machen nichts besser. Wir standen vor der Situation, dass die Gemeinde mit 200 Mitgliedern überaltert war. Die Gemeinde hat sehr früh verstanden, dass diese Zuwanderung ein großer Glücksfall ist und die Existenz dieser Gemeinde sichert. Nur wenn es gelingt, die neu zugezogenen Migranten zu integrieren, hat diese Gemeinde auf Dauer gesehen eine Entwicklungschance. Das haben die Gemeindemitglieder verstanden. Es zeigt sich auch typischerweise, dass in den kleineren Gemeinden die Integration besser gelingt als in Großgemeinden.

 Wie finanziert die Gemeinde Shalom Europa?

Schuster: Die Frage ist: Wie finanziert sich eine jüdische Gemeinde, ob ohne oder mit Neubau? Der Freistaat Bayern bezuschusst die Jüdischen Gemeinden mit insgesamt vier Millionen Euro, sechs Prozent dieser Summe kommen nach Würzburg. Die Gemeinde bekommt ein entsprechendes Kirchensteueraufkommen -  Juden sind genau so verpflichtet wie Katholiken oder Protestanten, acht Prozent ihrer Einkommens- und Lohnsteuerschuld als Kirchensteuer abzuführen. Das ist nicht so riesig in Würzburg, aber immerhin. Und es gibt Spenden. Das sind die wesentlichen finanziellen Quellen.

 Aber das Haus kostet...

Schuster: Ein Beispiel: Die Energiekosten für den Neubau sind nicht höher als für den kleinen Altbau, den wir abgerissen haben. Wir haben das Seminarzentrum, das mit der Lauder Foundation betrieben wird und gegen entsprechendes Geld vermietet werden kann. Der Eintritt ins Museum wird einen kleinen Obolus kosten. Wir haben einen Gemeindesaal, den wir auch vermieteten werden. Ich denke, das Konzept wird aufgehen, wobei wir natürlich sehr auf die ehrenamtliche Mitarbeit angewiesen sind.

 Haben Sie Shalom Europa eine Normalität hinein gebaut?

Schuster: Sicher nicht. Normalität wäre, wenn die Einweihung eines jüdischen Gemeindezentrums vom Sicherheitsstandard her nichts anderes wäre als wenn ein neuer Kirchenbau eingeweiht werden würde.. Aber die Sicherheitsstufe ist hoch. Im Konzept für das Gebäude sind Dinge wie Überwachungskameras mitbedacht - mit wäre es am liebsten, wir bräuchten sie nicht.

 Antisemitische Vorkommnisse wie jüngst in Sachsenanhalt  -  wie sehr gehen die Ihnen nahe? Schuster: Die gehen einem schon nahe und lassen die Frage aufkommen, ist es eigentlich richtig, das man ein Zentrum aufbaut. Aber ich habe Vertrauen in die Politik und die gefestigte Demokratie der Bundesrepublik, das solche Vorkommnisse tatsächlich Vorkommnisse bleiben und daraus kein Flächenbrand wird.

Das Haus ist sehr transparent, hell und einladend, aber auch kraftvoll, wie eine Erklärung: Wir sind  da.

Schuster: Das ist richtig. Wir wollen schon auch zeigen, dass es hier eine jüdische Gemeinde gab und wieder gibt. Das ist sicher auch gewollt.

Main-Post, 17.10.2006: Neue Epoche für Würzburger Juden

Augsburger Allgemeine, 17. 10. 2006

Schwäbische Zeitung, 17. 10. 2006

Lausitzer Rundschau, 17. 10. 2006

dpa Deutsche Presse-Agentur, 17. 10. 2006: Jüdisches Zentrum «Shalom Europa» in Würzburg vor Eröffnung
Nach rund fünf Jahren Bauzeit wird am kommenden Montag (23.10.) das neue Jüdische Gemeinde- und Kulturzentrum «Shalom Europa» in Würzburg eröffnet.

Auf knapp 4800 Quadratmetern entstanden ein neuer Gemeindesaal, ein Jugendzentrum sowie ein Museum. Der lichtdurchflutete, moderne Gebäudekomplex rund um eine 36 Jahre alte Synagoge habe fast 12 Millionen Euro gekostet, sagte der Gemeindevorsitzende Josef Schuster. Er sei vor allem mit öffentlichen Fördergeldern und Spenden finanziert worden.

Das Zentrum solle den Anforderungen einer wachsenden jüdischen Gemeinde Rechnung tragen, sagte Schuster. Die Anzahl der Mitglieder in Würzburg sei durch den Zuzug von Juden aus Osteuropa von 200 auf mehr als 1000 Mitglieder gestiegen. Der neue Gemeindesaal biete Platz für 400 Besucher. Auch ein Servicezentrum für alte Menschen sowie Unterrichtsräume sollen die Gemeindearbeit verbessern. Ein Jugendzentrum mit 90 Schlafplätzen und einer koscheren Küche diene der Jugend aus ganz Europa für Treffen und Seminare.

Darüber hinaus soll der gläserne Neubau einen Einblick in die Tradition des Judentums sowie in das moderne jüdische Leben ermöglichen. «Wir richten uns dabei sowohl an Juden und als auch an Nichtjuden», sagte der Gemeindevorsitzende. Ein Museum, das anhand von Grabsteinen die Geschichte des jüdischen Lebens im Mittelalter zeige, werde von Ende November an fünf Tage in der Woche für die Öffentlichkeit zugänglich sein.

Die Exponate, datiert auf die Jahre zwischen 1129 und 1346, stammen aus dem weltweit größten Fund von jüdischen Grabsteinen. 1987 wurden in Würzburg auf dem Gelände eines ehemaligen Friedhofs rund 1500 Steine und Fragmente entdeckt. «Mit dem Zentrum haben wir nun eine sinnvolle, dauerhafte und würdevolle Unterbringung für diesen Fund», sagte Schuster. Die Steine, von denen die meisten nicht im Museum selbst sondern in einem speziellen Kellerraum untergebracht sind, bilden symbolisch das Fundament des neuen Gemeindezentrums.

Antenne.de, 17.10. 2006: „Shalom Europa” in Würzburg

 Bayerische Staatssoper, 17.10. 2006: Jüdisches Zentrum „Shalom Europa” in Würzburg vor Eröffnung

mainbrücke, September 2006: Shalom Europa erhält Gestalt

Main-Post, 9. September 2006: Ein Zeichen der Toleranz
Auf den Tag genau 164 Jahre nach der Einweihung der ehemaligen Synagoge in der Domerschulstrasse am 8. September 1841 haben sich auf dem neu gestalteten Gelände zahlreiche Vertreter des öffentlichen Lebens zu einer Gedenkstunde getroffen. In seiner Ansprache erinnerte der Vorsitzende der Israelitischen Gemeinde Würzburg, Dr. Josef Schuster, an die „wechselvolle Geschichte des Grundstücks“. 1832 hatte die Gemeinde erstmals dieses Areal erworben, nachdem ihr die Regierung von Unterfranken 1828 ein Ultimatum gestellt hatte. Weil die sieben Würzburger Haussynagogen zu schwer zu überwachen waren, sollten die Juden eine Haupt-Synagoge errichten. Fast ein Jahrhundert bildete sie das Zentrum jüdischen Lebens in der Stadt. Doch in der Reichspogromnacht 1938 wurde sie von den Nazis geschändet und gebrandschatzt. 1945 sank das Gebäude bei der Zerstörung Würzburgs in Schutt und Asche.. 1952 kaufte das benachbarte Priesterseminar das Grundstück, und erst 199 konnte die jüdische Gemeinde schließlich das Anwesen zum Preis von 1952 wieder erwerben...Ein Band aus Basalt-Split markiert den Umriß der einstigen Synagoge, an die nach Schusters Worten ein „kleines Monument“ aus einer früheren Altarplatte in der Mitte erinnert...

Main-Post, 18. Juli 2006: „Stolpersteine in Würzburg...Damit das Morden nie in Vergessenheit gerät“
Es waren bewegende Momente der Rückkehr von ermordeten Opfern der Nazi-Diktatur an ihre früheren Wohnorte. Eine Rückkehr in Form von Pflastersteinen. 18 seiner so genannten Stolpersteine hat Künstler Gunter Demnig am Montag in Würzburg verlegt... So zum Beispiel vor dem Kaufhof. Hier wurden Steine für die im KZ ermordeten Ruth, Jan und Ernst Ruschkewitz gesetzt. In einer bewegenden Rede erinnerte Marianne Erben an Flucht, Tortur und Tod der Familie. Erschütternd die Sätze aus dem Tagebuch von Vater Ernst: Er wünschte seinem Sohn zum siebten Geburtstag, „dass Du bei Deiner Mutter bist, dann wird’s Dir das ganze Jahr an nichts gefehlt habe“. Als er diese Sätze schrieb, waren Frau und Kind bereits tot – umgebracht in den Gaskammern von Auschwitz...

Die jüdische Gemeinde in Würzburg unterstützt das Projekt Stolpersteine. Durch die eingeschlagenen Namen und Daten, so Vorsitzender Dr. Josef Schuster, würden die Opfer aus der Anonymität gerissen, „sie bekommen einen Namen, eine Identität“. Museen und Gedenkstätten seien zwar unverzichtbarer Teil einer Gedenkkultur...Die Stolpersteine dagegen könnten gerade Jugendliche zum Nachdenken anregen.

Das haben sie in Würzburg bereits getan... Jugendliche der Franz-Oberthür-Schule verfolgten interessiert die Verlegung am Kaufhof. Und drei Klassen der Gustav-Walle-Schule hatten sich über Wochen speziell mit den ermordeten Lore und Max Kleemann beschäftigt...Bewegend auch das Gedenken der Sinti und Roma an die ermordete Familie Winterstein – gemeinsam mit einer Klasse des Wirsberg-Gymnasiums als Pate...

Universität Würzburg, Pressemitteilung Nr. 42/2006 vom 5. Juli 2006: „Ministerpräsidente ehrt Würzburger Wissenschaftler”.
Zwei Vertreter der Universität Würzburg erhalten in diesem Jahr den bayerischen Verdienstorden: Professor Dr. Martin Lohse, Inhaber des Lehrstuhls für Pharmakologie, und Professor Dr. Dr. Karlheinz Müller, emeritierter Ordinarius für Biblische Einleitung und biblische Hilfswissenschaften, werden am 5. Juli die Auszeichnung von Ministerpräsident Dr. Edmund Stoiber im Antiquarium der Münchner Residenz überreicht bekommen...
Karlheinz Müller, Jahrgang 1936, war von 1972 bis zum 31. September 2005 Inhaber des Lehrstuhls für Biblische Einleitung und Biblische Hilfswissenschaften an der katholisch-theologischen Fakultät. 1982 promovierte er im Fach "Judaistik". Schwerpunkte seiner wissenschaftlichen Arbeit waren zahlreiche Veröffentlichungen zur Entstehung und zur geschichtlichen Entwicklung der frühjüdischen Apokalyptik und des Urchristentums. Bekannt wurde er auch durch die wissenschaftliche Bearbeitung und Erstedition der 1513 jüdischen Grabsteine und Grabsteinfragmente aus dem Würzburger Stadtteil "Pleich". Zurzeit ist er wissenschaftlicher Leiter des Museumsprojekts innerhalb des Aufbaus von "Shalom Europa", dem neuen Gemeinde- und Kulturzentrums der Jüdischen Gemeinde in Würzburg.

Pressedienst der Eiöuese Würzburg, 31. Mai 2006: „Schriftgelehrter, Vorgeher”
Als Schriftgelehrten, Zeitgenossen und geistlichen Menschen würdigte Generalvikar Hillenbrand den langjährigen Inhaber des Lehrstuhls für Biblische Einleitung und biblische Hilfswissenschaften an der Universität Würzburg. Als Schriftgelehrter habe Karlheinz Müller stets die konkrete Kirche in den größeren Horizont des Reiches Gottes hineingestellt. „Dass mancher diese Intention nicht gleich erkannte und über den sprichwörtlichen ‚Einleitungsschock’ nicht hinauskam, hat Karlheinz Müller gewiss zugesetzt, ihn aber in seinem Mühen um eine ‚kreativ-streitbare Exegese’, die ein spannendes, manchmal auch spannungsreiches Zeugnis vom Reich Gottes ist, nicht irre werden lassen“, sagte Hillenbrand. Der Zeitgenosse Müller habe sich beim Übersetzen moderner hebräischer Gedichte von Jehuda Amichai, im Einsatz für die jüdische Gemeinde in Würzburg und bei der Erforschung der jüdischen Grabsteine aus der Würzburger Pleich gezeigt. Nicht zuletzt sei Müller als geistlicher Mensch erlebbar, der von der Leidenschaft für Wahrheit und Freiheit zugleich getragen sei. „Er lebt aus der Kraft der Wurzel des jüdischen Erbes und möchte in seiner Kirche und darüber hinaus etwas von dieser Kraft vermitteln, die vom Geist Gottes gewirkt wird.“Dr. Josef Schuster, Vorsitzender der jüdischen Gemeinde, würdigte Müllers stetigen Einsatz für das Verhältnis zwischen Juden und Christen. „Dass es sich heute so positiv darstellt, ist ganz wesentlich Ihr Verdienst.“ Nicht zuletzt habe Müller seit der Entdeckung mittelalterlicher jüdischer Grabsteine auf dem Gelände des früheren Markusklosters in der Würzburger Pleich die besondere Stellung und Bedeutung der jüdischen Gemeinde im 12. bis 14. Jahrhundert nachgewiesen.

Er sei mehr ein Vorgeher als ein Vorsitzender gewesen, charakterisierte Rosa Grimm, Geschäftsführerin der Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit, den scheidenden katholischen Vorsitzenden des Vereins. „Nicht nur, dass er ständig vor Ideen sprühte: Das Anerkennen der Eigenständigkeit des Judentums und die Suche nach Zusammenarbeit kennzeichneten sein Engagement.“ Mit viel persönlichem Einsatz habe er unter anderem einen Hebräischkurs organisiert und die Ausstellung „Die Bibel wie Juden sie lesen“ konzipiert. Am Entstehen des Gemeindezentrums „Shalom Europa“ habe Müller als tatkräftiger Mitinitiator Anteil: Unter anderem, weil das integrierte Museum von ihm gestaltet wurde.

Burkhard Hose, neuer katholischer Vorsitzender der Gesellschaft für jüdisch-christliche Zusammenarbeit, lobte vor allem Müllers Einsatz für eine echte ökumenische Zusammenarbeit, in der die evangelische Kirche nicht Juniorpartner sei, sondern es einzig und allein auf das gemeinsame Engagement ankomme. „Nicht über Juden, sondern mit Juden vor Ort reden“, laute die Maxime, welche die Gesellschaft für jüdisch-christliche Zusammenarbeit dank Müller verinnerlicht habe.

Main-Post, 13. Mai 2006: Eine Million für Shalom Europa
Die Bayerische Landesstiftung erhöhte nach offenbar langem internen Ringen ihren Zuschuss für das insgesamt 11,7 Millionen teure Projekt (Shalom Europa) um eine auf 2,5 Millionen Euro. “Damit leistet der Freistaat nun einen entscheidenden Beitrag für dieses für Würzburg wie Bayern bedeutende Vorhaben”,  erklärte CSU-MdL Walter Eykamann, der auch den Arbeitsausschuss der Stiftung leitet. Aus Landesmitteln wie Mitteln der staatlichen Stiftung fließen gut sieben Millionen Euro nach Würzburg. “Dieser Zuschuss ist sehr wichtig für uns”, betonte auch Dr. Josef Schuster, Vorsitzender der Jüdischen Kultusgemeinde in Würzburg. “Jeder Euro weniger hätte ein graues Haar mehr für mich bedeutet”. Denn noch immer fehlen dem Projekt, das im Oktober eröffnet werden soll,  rund 750000 Euro…

Main-Post, 8. März 2006: Volkschor hat sich aufgelöst – Restliches Vermögen geht an Chor der Jüdischen Gemeinde
Eine der ältesten Würzburger Chorvereinigungen ist aufgelöst…Der 1896 gegründete Gesangsverein war wie alle Volkschöre und Volksbühnen eine der vielen kulturellen Organisationen der Arbeiterbewegung, die im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts im damaligen Deutschen Reich enstaanden sind….Wie so macher Verein musste auch der Volschor in den Zeiten der wachsenden Unterhaltungsindustrie seine active Gesangstätitgkeit wegen Nachwuschsmangel vor längerer Zeit einstellen. Das verbliebene Vereinsvermögen von 1700 Euro wird laut Beschluss der letzten Mitgliederversammlung auf Vorschlag von Ex-Stadtrat Manfred Scherk als Spende dem jüngsten Mitglied im Kreis der aktiven Würzburger Gesangvereine, dem Chor der Israelitischen Gemeinde Würzburg übergeben.

 
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