Festliche Eröffnung von Shalom Europa
 

   

   

Albrecht Fürst zu Castell-Castell, Max Ansbacher, Rabbiner Jakov Ebert, Dr. Josef Schuster - mit dem symbolischen Schlüssel zum neuen Gebäude.   Jacob Z. Schuster- Treasurer (links) und Dr.George Ban - CEO R.S. Lauder Foundation (rechts) mit Dr. Josef Schuster (Mitte)   Aufmerksame Zuhörer im David-Schuster-Saal der Jüdischen Gemeinde Würzburg und Unterfranken (v.l.): Regierungspräsident Dr. Paul Beinhofer, Staatsminister Eberhard Sinner, Frau Glos, Bundesminister Michael Glos, Frau Schuster, Dr. Josef Schuster, Frau Stoiber, Ministerpräsident Dr. Edmund Stoiber, Präsidentin des Zentralrates der Juden in Deutschland Charlotte Knobloch, Landesbischof Johannes Friedrich, Erzpriester Apostolos Malamousis, Jacob Z. Schuster (Treasurer Ronald S. Lauder Foundation)
   
   

Das  neue jüdische Gemeinde- und Kulturzentrum ‚Shalom Europa’ ist am 23. Oktober 2006/ 1. Cheschwan 5767 offiziell eingeweiht worden. (Download PDF)  An dem Festakt nahmen namhafte Vertreter aus Politik und Gesellschaft teil  Festredner waren der Ministerpräsident des Freistaates Bayern, Dr. Edmund Stoiber,  und Professor Ersnt Cramer, Vorstandsvorsitzender der Axel-Springer-Stiftung.
 Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) sprach bei der Eröffnung von einem «herausragenden Symbol deutsch-jüdischer Aussöhnung». Die durch Flüchtlinge aus Osteuropa von 200 auf 1100 Mitglieder angewachsene israelitische Kultusgemeinde in Würzburg und Unterfranken habe mit dem Neubau ein zukunftsweisendes Zeichen des Vertrauens in die deutsche Demokratie gesetzt..
Auch Ernst Cramer, der Vorsitzende der Axel-Springer-Stiftung, sieht die Aufgabe des Kulturzentrums darin, nach Versöhnung der einzelnen Religionen zu streben. Cramer, der als junger amerikanischer Offizier im Frühsommer 1945 in die fast total zerstörte Stadt Würzburg kam, erinnerte in diesem Zusammenhang an einen Satz des Rabbiners Leo Baeck: «Die Epoche der Juden in Deutschland ist ein für allemal vorbei.» Heute, nach über sechzig Jahren, lebten wieder mehr als 100.000 Juden in Deutschland. «Daß es wieder Judentum in Deutschland gibt, dafür ist diese Einweihung ein weithin sichtbarer Beweis».
Daß in Würzburg zudem der Dialog mit der nichtjüdischen Öffentlichkeit besonders betont werde, habe mit der Einbeziehung der europäischen Dimension aktuelle Relevanz, meinte die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch. Die Zeiten, in denen sich jüdisches Leben verborgen habe, sei vorbei. „Wer baut, der bleibt, heißt es. Ich  möchte diesen Satz ergänzen zu: wer baut, hat seine Heimat gefunden”.
Für Dr. Josef Schuster, den Vorsitzenden der Gemeinde, stellt Shalom Europa einen Höhepunkt in der 900-jährigen Geschichte Würzburger Juden und der 1.300-jährigen Geschichte der Stadt dar. Das Zentrum sei das nordbayerische Gegenstück zu dem zur Zeit entstehenden neuen jüdischen Gemeindezentrum in München dar.

„Shalom Europa” - der Name ist Programm. Auf einem Areal rund um die bereits bestehende und jetzt erweiterte Synagoge ist ein Gebäudekomplex entstanden, der in seiner Gestaltung und Zuwidmung auf eine einzigartige Weise sowohl den Anforderungen einer wachsenden Gemeinde als auch einer weit über die regionalen Grenzen hinausreichenden Vision Rechnung trägt.

Shalom Europa beherbergt den weltweit größten Fund an Grabsteinen aus einem mittelalterlichen jüdischen Friedhof, die sogenannten „Judensteine aus der Pleich”. Als kulturelles Gedächtnis eines über viele Jahrhunderte europaweit respektierten Sitzes jüdischen Lebens bilden sie im Basisgeschoß unter dem Innenhof  gleichsam das Fundament.
Eine Auswahl der „Judensteine” wird im musealen Teil des Gebäudes helfen, traditionelles jüdisches Leben im 21. Jahrhundert transparent zu machen.

Shalom Europa versteht sich nicht nur als Platz für die vielfältigen Einrichtungen, die neben der Synagoge für eine seit 1990 stark erhöhte Zahl von Mitgliedern -- vier Fünftel davon Zuwanderer aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion -- bereit gehalten werden müssen. Im Rahmen des Gesamtkonzeptes wichtig ist zum Beispiel eine in Zusammenarbeit mit der  Ronald S. Lauder Foundation, New York, entstandene Jugendtagungsstätte mit Schabbatprogrammen und religiösen Fortbildungskursen für junge Menschen aus Gemeinden in Deutschland und dem übrigen Europa.

Das gemeinsam von der Stadt Würzburg und dem Bezirk Unterfranken betriebene Dokumentationszentrum für jüdische Geschichte und Kultur hat in neuen Räumen wesentlich verbesserte Arbeits- und Demonstrationsmöglichkeiten. Ein von der Ronald S. Lauder Foundation geförderter Informationsdienst, das Ephraim-Gustav-Hoenlein-Projekt, hat ebenfalls seinen Platz in Shalom Europa. Es hilft deutschstämmigen Juden beim Rekonstruieren ihrer Familiengeschichte.

Das Projekt Shalom Europa ist von Anfang an von der Umwelt wohlwollend und großzügig begleitet worden. Neben öffentlichen Fördermitteln und privaten Spenden (etwa Aktion „Ein Stein für die Steine”) haben viele Bürger vor allem über die Gesellschaft für jüdisch-christliche Zusammenarbeit in Würzburg und Unterfranken --  ihr Interesse und Engagement bekundet. Selbstverständlich wird der neue Gemeindesaal mit 400 Plätzen demnächst auch der Begegnung zwischen Juden und Nichtjuden dienen.

Vertrauen - Freiheit - Versöhnung
Festvortrag von Ernst Cramer zur Einweihung von Shalom Europa

Versöhnung über die Grenzen der Religionen und damit für die Welt - danach zu streben ist nach der Ansicht von Ernst Cramer, dem Vorsitzenden der Axel-Springer-Stiftung, Aufgabe auch des neuen Jüdischen Gemeinde- und Kulturzentrums „Shalom Europa” in Würzburg, zu dessen Einweihung er am 23. Oktober 2006 den Festvortrag hielt.

Cramer, der als junger amerikanischer Offizier im Frühsommer 1945 in die fast total zerstörte Stadt Würzburg kam und der in seiner Rede eindrucksvoll seine Begegnung mit der Handvoll überlebender Juden, die gewissermaßen auf gepackten Koffern saßen und auf die Auswanderung warteten, erinnerte an den damaligen Satz des Rabbiners Leo Baeck: „Die Epoche der Juden (in) Deutschland ist ein für allemal vorbei”. Heute, nach über sechzig Jahren, lebten wieder mehr als 100000 Juden in Deutschland. „Daß es wieder Judentum in Deutschland gibt, dafür ist diese Einweihung ein weithin sichtbarer Beweis”.
 
Es sei nicht das alte deutsche Judentum - „deutsches Bürgertum par excellence”, auch nicht das früher in Deutschland nie existierende und hierzulande oft vorgegaukelte Klezmer-Judentum. Es gebe heute nicht nur ein anderes, ein besseres, ein geläutertes Deutschland, das wieder an die hehren und ehrwürdigen Tugenden seiner Geschichte angeknüpft hat. Es gebe auch neue jüdische Gemeinden, die sich als Teil dieses neuen Deutschland verstünden.

Cramer verwies auf den nie ausgestorbenen und in vielen Teilen der Welt, besonders in Europa, wieder aufflammenden Antisemitismus. Ihn zu bekämpfen, sei keine Aufgabe für Juden allein, sondern ein gesamtgesellschaftlicher Auftrag, Wo es, wie beim islamistischen Terror, „viel mit Religion, mit mißverstandener Religion” tun habe, müsse aufgeklärt, für Verständnis geworben und wenn nötig entschlossen abgewehrt werden. Immer aber müsse man bereit zum Gespräch und zum aussöhnenden Miteinander sein.

Duckmäusertum und Selbstzensur - wie etwa bei der Diskussion um die Berliner Inszenierung der Mozart-Oper „Idomeneo” seien keine akzeptablen Lösungen. Ihm gefalle die Inszenierung von „Idomeneo” nicht, ebenso sei er vor Jahren ein Gegner der Aufführung des Dramas „Corpus Christi”, und auch sei er gegen den Abdruck der recht harmlosen Karrikaturen des Propheten Mohammed gewesen. Er hätte auch gerne Papst Benedikt XVI geraten, in seiner der Versöhnung von Glaube und Vernunft gewidmeten Regensburger Rede Rede das Zitat des byzantinischen Kaisers nicht zur verwenden. „Dennoch stehe und streite ich für die absolute Freiheit der Kunst. Auch für mich gilt der berühmte Ausspruch Voltaires zur Meinungsfreiheit, der beteuerte, auch wenn er den Standpunkt eines anderen nicht teile, wäre er doch bereit, dafür zu sterben, daß er geäußert werden darf.”. Der Jüdischen Gemeinde zu Würzburg wünsche er, das auch sie in Fragen der Freiheit Voltaire zum Vorbild nehme. „In dem Gemeindezentrum, das wir heute einweihen, wird die Freiheit in diesem Sinn gepflegt werden, obwohl das Wort Freiheit im alten Testament nur einmal - bei Jesaja - vorkommt”.

Gleich wichtig sei aber auch die Versöhnung. Cramer erinnerte an Papst Johannes Paul II, der unter Bezug auf die Bibel Juden und Christen als Nachkommen Abrahams als dazu berufen gesehen hatte, „Segen für die Welt zu sein”. Dieser Aussage sei später, als die Auseinandersetzung mit dem Islam einem Höhepunkt zustrebte, vom Zentralkomitee der Deutschen Katholiken mit der Formulierung ergänzt worden: „Wir hoffen, auch die Muslime, die sich ebenfalls auf die Abrahahmskindschaft beziehen, für diese Verpflichtung zu gewinnen”-

„So schwer das ist, genau das ist unser aller Auftrag - natürlich auch die Aufgabe jedes jüdischen Lehrhauses, also auch dieses Gemeindezentrums: daß nämlich „die Hand ausgestreckt bleibt zur Versöhnung, und zwar nicht nur mit denen, die selbst Verständigung wünschen , sondern auch mit solchen, die heute noch uneinsichtig sind. Schließlich sind wir alle Schwestern und Brüder, auch wenn wir das allzu gerne und viel zu oft vergessen . „Der Jüdischen Gemeine zu Würzburg wünsche ich, das sie den göttlichen Auftrag - Segen für die Welt zu sein - nie vergißt.”

 
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