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Main-Post, 5.12.2002: Banken fördern "Shalom Europa" Würzburg
Würzburgs Banken zeigen Flagge: mit einer Förderinitiative für das neue jüdische Gemeinde- und Kulturzentrum "Shalom Europa". Durch Öffentlichkeitsarbeit will die Bankenvereinigung das Interesse für die jüdische Kultur in Unterfranken wecken. Wenn Banken "aktive Unterstützung" versprechen, denkt man zuerst an Unterstützung finanzieller Art. Die, so erläuterte Klaus Wondra, Vorsitzender der Würzburger Bankenvereinigung, soll bei der Förderinitiative für "Shalom Europa" allerdings nicht allein im Vordergrund stehen. Ihm liegt die jüdische Kultur am Herzen, und das möchte er publik machen.
"Ohne Geld geht wenig, also werden wir auch über Geld sprechen", so Wondra bei einem Pressegespräch. Deshalb haben die Banken einen Kredit über rund eine Million Euro für den ersten Bauabschnitt des Zentrums zu vergünstigten Bedingungen gewährt und Spendenkonten eingerichtet, auf denen bislang schon rund 100 000 Euro privater Spenden eingegangen sind...
"Es gibt noch kein durchgängiges Konzept. Es gibt nur ein Ziel", sagt auch Albrecht Fürst zu Castell-Castell. Einige Ideen hat er schon, eine Aktion mit Postwurfzetteln beispielsweise oder eine Zusammenarbeit mit den Kirchen. Auch Vorträge, Lesungen oder Kulturveranstaltungen wären denkbar. Dr. Josef Schuster, Vorsitzender der israelitischen Kultusgemeinde ist begeistert, dass die Würzburger Banken ohne Konkurrenzdenken für die Initiative zusammenarbeiten: "Das spricht für das Klima in dieser Stadt."

Die Zeit - Nr. 51/2002: "Nix mehr wiss!"
Wie ein Dorf in Franken mit seinem "Judenacker" lebt – und einem Buch darüber . Eindrücke und Wertungen in einer Reportage Peter Ross über das unterfränkische Dorf Geroldshausen.

Aufbau, Oktober 2002:
A new Center in Germany will help Jews of Germanic descent trace their origins. The Ephraim Gustav Hoenlein Genealogy Project in Würzburg, Germany, is a joint project of the Ronald S. Lauder Foundation and the Jewish community of Würzburg. The new center is named for the father of Malcolm Hoenlein, executive vice chairman of the Conference of Presidents of Major American Jewish Organizations. Ephraim Gustav Hoenlein fled Nazi Germany with his family and emigrated to the United States.

Main-Post 29.11.2002: "Tiefe Wunden im Leben der Stadt"
Mit einem Schweigemarsch vom Rathaushof zum Mainfranken Theater haben schätzungsweise 500 Menschen den 61. Jahrestag der ersten von Würzburg ausgehenden Juden-Deportation begangen. Am 27. November 1941 hatten 202 mainfränkische Juden die Reise in den sicheren Tod antreten müssen.
Aus diesem Anlass hatten heuer zum dritten Mal die Gemeinschaft Sant'Egidio, die Israelitische Kultusgemeinde und der katholische Dekanatsrat Würzburg-Stadt zu einer Gedenkveranstaltung eingeladen.

Main-Post, 9.11.2002: Lehren, wie ein Jude zu leben - Israeltische Gemeinde will kein Kulturverein sein - fünf Prozent der Mitglieder sind orthodox - von unserem Redaktionsmitglied Kerstin Volkmer
Vor großen Herausforderungen steht die jüdische Gemeinde in Würzburg. Zuwanderer aus Osteuropa haben die Mitgliederzahl verfünffacht. "Die Gemeinde wird fortbestehen als aktive, lebendige Gemeinschaft", ist Vorsitzender Dr. Josef Schuster überzeugt."Der Zuzug der osteuropäischen Juden hat der Gemeinde ausgesprochen gut getan", stellt Josef Schuster fest. Vor zehn bis 15 Jahren war der Fortbestand der Gemeinde unsicher, erinnert sich der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Würzburg und Präsident des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern. Unter den knapp 200 Mitgliedern waren nur wenige Jugendliche. "Damals war die Gemeinde überaltert. Aus demographischen Gründen war nicht sicher, ob sie existenzfähig bleibt", erklärt der 48-Jährige.
Heute zählt die Gemeinde in der Valentin-Becker-Straße 1100 Mitglieder. Umfangreiche Bauarbeiten schaffen derzeit mehr Raum für die gewachsene Gläubigenschar (siehe neben stehenden Artikel). Momentan finden im größten Saal nur 110 Personen Platz. Mit den Baumaßnahmen ist es allerdings nicht getan, die Herausforderung ist eine viel größere. Es gilt, die so genannten Kontingentflüchtlinge aus Osteuropa in das Glaubensleben zu integrieren, ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu schaffen. Ein schwieriges Unterfangen: Die Zuwanderer haben in der Regel keine oder geringe Bindung an die Religion, da sie in der damaligen Sowjetunion den Glauben kaum praktizieren konnten. Dementsprechend gering ist das Wissen um Bräuche und Traditionen.
"Das war mir fremd, dass Juden nichts über das Judentum wissen", erinnert sich Rabbi Jakov Ebert an den Beginn der Zuzugswelle nach Deutschland nach dem Fall des Eisernen Vorhangs. Vor genau einem Jahr hat Ebert offiziell sein Amt in Würzburg angetreten - der erste Rabbi in Würzburg seit 1942. Ein Freund, Gesprächspartner und Ratgeber möchte er Juden und Nicht-Juden sein. "Ich bringe den Leuten nicht bei, wie man ein Gebetbuch benutzt. Ich lehre, wie ein Jude zu leben." Konkret heißt das, sich im Alltag gemäß den Geboten und Verboten zu verhalten, wie sie im Gesetzbuch Halacha enthalten sind.
So wird ein orthodoxer, das heißt streng gläubiger, traditionsverbundener Jude am Schabbat, dem Samstag, "kein Werk herstellen", wie Ebert es ausdrückt. "Das ist ein Ruhetag, der nichts mit Schlafen zu tun hat. Die Seele ruht aus und damit auch der Körper."
Was "tut" ein orthodoxer Jude dann am Schabbat? Er führe Gespräche, nehme mit der ganzen Familie das Schabbatmahl ein oder denke darüber nach, was er für die Gesellschaft in letzter Zeit getan habe, erklärt der Rabbi. Allerdings gelte es, die Glaubensgrundsätze, wenn nötig, den praktischen Umständen anzupassen. Wenn zum Beispiel am Schabbat ein Freund krank werde, fahre ihn ein gläubiger Jude zum Arzt, auch wenn das Starten des Autos an diesem Tag sonst nicht erlaubt ist.
Rund fünf Prozent der Gemeindemitglieder beachten die Glaubensvorschriften auch privat, sind also orthodoxe Juden, schätzt Vorsitzender Schuster. Ungefähr 15 Prozent besuchen regelmäßig den Gottesdienst am Schabbat, dem höchsten jüdischen Feiertag. Wer das Gelände der Synagoge betritt, hat Regeln zu akzeptieren: koscher essen und nicht rauchen zum Beispiel. Im Gottesdienst sitzen Frauen und Männer getrennt. Und wer am Schabbat im Auto zur Synagoge fährt, darf nicht im Hof parken. Moderne Technik hilft der Gemeinde aus einer Zwickmühle: Da orthodoxe Juden am Schabbat kein Feuer machen, ist das Anknipsen des des Lichtschalters tabu. Also behelfen sie sich mit einer Zeitschaltuhr, um nicht im Dunklen sitzen zu müssen. Ob die Gläubigen zu Hause die Religionsvorschriften einhalten, ist ihre private Entscheidung, sagt Rabbi Ebert. "Ich bin kein Polizist und zwinge niemanden. Ich lehre nur den guten Weg."
Anders als in anderen jüdischen Gemeinden in Deutschland stimmten in Würzburg die aktiven Mitglieder darin überein, dass der Glaube im Zentrum des Gemeindelebens stehen solle. "Wir wollen unsere orthodoxe, traditionelle Struktur erhalten", ergänzt Schuster. Und: "Wir sind kein Kulturverein. Im Mittelpunkt bleibt die Synagoge." "Um den Glauben herum" organisiert die Gemeinde Vorträge, Konzerte und Feste, gerade auch um Zuwanderer anzuziehen.
Nach Schusters Erfahrung ist es schwierig, Menschen im mittleren Alter für das Glaubensleben zu gewinnen, da sie den Aufbau einer beruflichen Existenz als vorrangig sehen. Intensiver sei der Kontakt zu Kindern und Jugendlichen, da sie ohnehin zum Religionsunterricht in die Gemeinde kommen, und zu Senioren, die oft von selbst Bekanntschaften suchten. "Ich locke die Leute", beschreibt Rabbi Ebert schmunzelnd das Bemühen, mit einem Veranstaltungsangebot Zuwanderer an die Gemeinde zu binden. Manche von ihnen sehe er nicht mehr, sobald sie sich in der Gemeinde angemeldet, erforderliche Schriftstücke erhalten haben. Mit Sprachkursen und einer Sozialberatung hilft die Gemeinde bei der Eingewöhnung in der Fremde, unterstützt bei Wohnungssuche und Behördengängen.
"Ich spreche an, bin da, habe Verständnis", sagt Ebert. "Wenn jemand nicht mehr zum Gottesdienst kommt, rufe ich ihn schon mal an und frage, warum lässt Du mich allein." Besonders schwer binden sich Jugendliche an die Religion, wenn die Eltern sie zu Hause nicht praktizieren. "Nicht jedes Prozent, sondern jedes Promille, das ich vorwärts komme, ist ein großer Schritt", erklärt Ebert.
Eine weitere Belebung der Gemeinde erwartet Vorsitzender Schuster, wenn das neue Gemeinde- und Kulturzentrum "Shalom Europa" fertig ist. Der niedergelassene Internist freut sich darauf. Er sieht das Judentum als eine "absolut fröhliche, lebensbejahende Religion" mit ausgelassenen Festen wie dem Purim-Fest im Spätwinter oder dem Lichterfest Chanukka im Dezember. "Das Judentum darf und soll sich nicht definieren über den Holocaust", stellt er fest. Die Quelle des Glaubens seien Tradition und Geschichte einer der ältesten Religionen. Das heiße aber keinesfalls, dass ein Schlussstrich unter die Erinnerung an Leid und Verfolgung gezogen werden sollte, wie etwa der Schriftsteller Martin Walser forderte. Nur Erinnerungsarbeit bringe Lehren für die Zukunft, so Schuster. Darin liege die Chance, dass sich die Geschehnisse nicht wiederholten. "Würde ich daran nicht glauben, würde ich nicht hier leben."

Volksblatt, 8.11.2002: Auf den Spuren des großen jüdischen Pädagogen
Er galt zu Lebzeiten als äußerst bescheidener Mensch, der allerdings zum "Kämpfer" werden konnte, wenn es um die Durchsetzung seiner pädagogischen Ziele, das Niveau der Ausbildung oder den Bestand des von ihm geleiteten Lehrerseminars ging. Die Rede ist von dem großen jüdischen Pädagogen Jakob Stoll, an dessen Wirken eine Ausstellung erinnert. "Jakob Stoll und die Israelitische Lehrerbildungsanstalt - eine Spurensuche" lautet der Titel der Schau im Jakob-Stoll-Gebäude in der Sandbergstr.
Die Ausstellung an diesem historischen Ort solle vor allem zeigen, was in der Würzburger Geschichte ziemlich in Vergessenheit geraten sei, sagte Dr. Hans Steidle, der für die Schau verantwortlich zeichnet.
Für Steidle gestaltete sich die Spurensuche nicht leicht, zumal es ihm nicht darum ging, eine verlorene Zeit oder bewusst zerstörte Geschichte zu rekonstruieren. Stattdessen sammelte er akribisch erhaltene Dokumente, die an diese Zeit erinnern. Auch wenn es dem Ausstellungsmacher nicht darum geht, die Exponate perfekt herzurichten, so wartet er doch mit Bildern auf, die zum ersten Mal in Würzburg gezeigt werden. Teile stammen aus den Privatarchiven der ehemaligen Studierenden der Israelitischen Lehrerbildungsanstalt...

Süddeutsche Zeitung, 15.10.2002: Künftig Ahnenforschung für Juden in Würzburg
Die Wiederbelebung der jüdischen Kultur in Mittel- und Osteuropa ist das Anliegen einer Stiftung, die der ehemalige US-Botschafter in Österreich, Ronald S. Lauder, im Jahr 1987 gegründet hat. Seither unterstützt die Ronald S. Lauder Foundation jüdische Projekte und Erziehungseinrichtungen in 15 europäischen Ländern. Jetzt soll das Konzept durch das neue Lauder Chorev Zentrum in Würzburg erweitert werden. Gestern Nachmittag erfolgte die Vertragsunterzeichnung zwischen der Israelitischen Gemeinde Würzburg und der Lauder Foundation. Gleichzeitig wurde auch das sogenannte Hönlein Genealogie Projekt auf den Weg gebracht...Das Ephraim Gustav Hönlein Genealogie Projekt ist ein bisher einmaliges Projekt in Deutschland. Es soll deutschstämmigen Juden aus aller Welt Möglichkeiten zur Ahnenforschung bieten. Die Lauder Foundation will dafür Forschungsstellen anbieten und einen renommierten Archivar verpflichten. Das Projekt ist nach einer bayerisch-jüdischen Familie benannt, die während des Naziregimes in die USA emigrieren mußte. Ephraim Hönleins Sohn Malcolm ist heute Vizepräsident der führenden jüdischen Organisation in Amerika...

Evangelischer Pressedienst/Volksblatt, Main-Echo, 14.10.2002: Kosmetik-Konzern stiftet eine Million
Mit einer Million US-Dollar beteiligt sich die Stiftung des amerikanischen Kosmetik-Konzerns Estée Lauder am neuen Jüdischen Gemeinde- und Kulturzentrum in Würzburg....Die Millionenspende wird...für eine Jugendbegegnungsstätte und ein Projekt zur Ahnenforschung im neuen Zentrum "Shalom Europa” verwendet....

Freiburger Rundbrief Nr 4/2002: Die Judensteine aus der Würzburger PleichVolksblatt, 20.7.2002: Leben blüht in "Shalom Europa"
Es sei "für die ganze Stadt ein Tag der Freude", Richtfest für den ersten Bauteil des neuen Jüdischen Gemeinde- und Kulturzentrums "Shalom Europa" feiern zu können, sagte am Freitag Oberbürgermeisterin Pia Beckmann vor Ort an der Synagoge in der Valentin-Becker-Straße. "Wer baut, will bleiben", so Beckmann. Sie selbst werde alles tun, damit die jüdischen Mitbürger ihren Beschluss nicht bereuen, das Zentrum hier einzurichten. Es sei ein "hoffnungsvolles Zeichen des Wiederaufbaues und Ausdruck des Vertrauens in die Stabilität eines demokratischen Rechtsstaates".
Die Israelitische Gemeinde habe in jüngster Vergangenheit eine beispiellose Integrationsleistung erbracht. Das betonte auch Unterfrankens Regierungspräsident Paul Beinhofer, selbst auch Vorsitzender des Kuratoriums "Shalom (Friede) Europa". Die jüdische Gemeinde in Würzburg sei in den vergangenen acht Jahren um das Vierfache angewachsen: zwischen 1993 und dem Jahr 2001 kamen aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion etwa 1100 Menschen jüdischen Glaubens hierher. Beinhofer erinnerte an das vielfältige jüdische Gemeindeleben, das sich in Unterfranken seit 1000 Jahren abspiele, teils "mit bekannten Persönlichkeiten von europäischem Rang".
Der Vorsitzende der Israelitischen Gemeinde Dr. Josef Schuster erinnerte an den ersten Spatenstich am 9. November, jenem symbolträchtigen Tag der Zerstörung der Synagogen 1939 in Deutschland. 252 oder 14 mal 18 Tage nach dem 9. November 2001 war nun Richtfest, einen Tag nach dem Fastentag der Juden am 18. Juli, dem Gedenktag an die Zerstörung des Tempels in Jerusalem. Die Zahl 18 stehe im Judentum symbolisch für "Chai", das Leben. Es stelle sich durch den Neubau nun hier dar.
Die jüdische Gemeinde, betonte die OB, habe auch ihre innere Struktur ausgebaut; seit etwa einem Jahr wirkt hier Rabbiner Jakov Ebert. Mit ihm wohnte auch Rabbiner Benjamin Kraus (Frankfurt) als Vertreter der Lauder-Fondation New York der Feier bei. Die Lauder-Stiftung ist einer von zahlreichen Finanziers des neuen Zentrums...

Main-Post, 20. Juli 2002: Tag der Freude für die ganze Stadt

Acht Monate nach dem ersten Spatenstich für das neue jüdische Gemeinde- und Kulturzentrum "Shalom Europa" an der Valentin-Becker-Straße haben sich viele Gäste aus Stadt und Umland zum Richtfest für den ersten Bauabschnitt eingefunden.
Richtfest für ersten Bauabschnitt des jüdischen Zentrums "Shalom Europa"
Genau genommen seien es 252 Tage, die seit dem Baubeginn am 9. November vorigen Jahres bis zum Richtfest am 19. Juli vergangen sind, rechnete der Vorsitzende der jüdischen Gemeinde, Dr. Josef Schuster, vor. Auf 252 kommt man auch, wenn man 14 mal 18 nimmt, und das hebräische Wort für die Zahl 18 bedeute zugleich "Leben". Das sei "ein gutes Symbol für die Zukunft der Gemeinde mit diesem Bauwerk."
Zudem sei der 19. Juli "ein sehr guter symbolischer Tag" für das Richtfest, da einen Tag zuvor, am 18. Juli, im Judentum der Zerstörung des Tempels von Jerusalem gedacht wird.. .
"Mit dem schnellen Umsetzen der Baupläne wird ein sichtbares äußeres Zeichen für die Wieder-Verwurzelung des Judentums in Unterfranken gesetzt," erklärte Regierungspräsident Dr. Paul Beinhofer, der auch Vorsitzender des Kuratoriums des Initiativkreises "Shalom Europa" ist. Mit dem Zentrum solle in Erinnerung gerufen werden, "welch hohen Stellenwert die jüdische Kultur in der Geschichte unserer Region, insbesondere in Würzburg, einnimmt."
Nach den Worten von Oberbürgermeisterin Pia Beckmann ist das Richtfest "nicht nur für die jüdische Gemeinde, sondern für die ganze Stadt ein Tag der Freude." Sie würdigte die "beispiellose Integrationsleistung" der Gemeinde, deren Mitglieder mittlerweile mehrheitlich aus den Staaten der ehemaligen Sowjetunion kommen.

Nürnberger Zeitung, 5.7.2002: Würzburg: Der größte Fund weltweit:
Bei Hausabriss 1504 Stelen entdeckt
In Würzburg entsteht derzeit das "Neue Jüdische Gemeinde- und Kulturzentrum Shalom Europa". Damit reagiert die Jüdische Gemeinde in Würzburg und Unterfranken auf den enormen Zuwachs an Gläubigen. Ein wesentlicher Bestandteil des neuen Zentrums werden 1504 historische Grabsteine sein, die 1987 beim Abriss eines Hauses im Stadtteil Pleich geborgen wurden. Teile dieses kulturhistorischen Schatzes – es ist weltweit der größte Fund aus einem mittelalterlichen Juden-Friedhof – werden derzeit in der Universität der Domstadt gezeigt.
Es sind stumme Zeugen einer reichen Vergangenheit. Sie erzählen die 200-jährige Geschichte einer lebendigen Gemeinde. Aus ihren Inschriften sprechen Stolz, Würde und Selbstbewusstsein, aber auch Trauer über den Tod geliebter Menschen. Die 1504 Judensteine aus der Pleich stammen aus der Zeit zwischen 1126 und 1346. Sie sind Zeugnisse einer jüdischen Tradition in Würzburg und Umgebung, deren Wurzeln bis ins 12. Jahrhundert zurückreicht. Das macht sie zugleich zu einem Symbol für die heutige jüdische Gemeinde.
"Bestandteil von Würzburg".
"Vielen ist es offenbar noch immer nicht klar, dass jüdische Menschen in Deutschland Normalität sind. Die Grabsteine sind Ausdruck dafür, dass schon im Mittelalter Juden in Würzburg gelebt haben. Jüdische Menschen sind nichts Fremdes, sondern Bestandteil des Lebens in Würzburg", betont Josef Schuster, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Würzburg und Umgebung und zugleich Präsident des Landesverbands der Israelitischen Kultusgemeinden Bayerns.
Auf einer Veranstaltung in der Universität Würzburg beklagte er, dass sich in Deutschland wieder "unverholen und frech die alte Pest des Antisemitismus" erhoben habe und "dumpfe Gefühle wieder Bahn gebrochen" hätten. Dies sei keine reine deutsche Eigenschaft und keine deutsche Erfindung, auch in anderen europäischen Ländern könne dies beobachtet werden. In Anspielung auf den nationalsozialistischen Rassenwahn aber sowie auf die Äußerungen des FDP-Politikers Möllemann und das Walser-Buch ("klarer Antisemitismus") betonte der Mediziner jedoch: "Wenn jemand eine Lungenentzündung gehabt hatte und dann Husten bekommt, ist man besonders alarmiert. Wir sind empfindlich, ja. Es tut uns weh. Und wir werden weiter zeigen, dass es uns schmerzt".
Josef Schuster beschreibt im Gegenzug das lebendige Gemeindeleben der Juden in Würzburg. Ende der 80er-Jahre hatte die Gemeinde gerade noch 220 Mitglieder, war überaltert. "Die Existenz war auf Dauer nicht gesichert", erinnert er sich an die Zeit, als noch sein Vater David der Gemeinschaft vorstand. Doch mit dem Fall des Eisenen Vorhangs kamen – wie in anderen Israelitischen Kultusgemeinden Bayerns – viele jüdische Familien aus Osteuropa in den Freistaat. Mittlerweile leben wieder über 1000 Mitglieder in Würzburg und Umgebung. Erstmals seit 1943 ist mit Jakov Ebert auch das Rabbinat wieder besetzt.
Die neue Blüte führte auch zu der Initiative, ein neues Gemeinde- und Kulturzentrum mit Schul- und Tagungsräumen, Museumsflächen, einem großen Saal und koscherer Küche sowie einer Jugendbegegnungsstätte zu bauen. Ein Initiativkreis und ein Kuratorium "Shalom Europa" haben das 14,47 Millionen Euro teure Projekt angeschoben und begleiten es.
Das neue Zentrum wird auch Heimstätte für die außergewöhnliche Grabstein-Sammlung. Sie stammen von einem mittelalterlichen Juden-Friedhof in Würzburg. "Mehr als ein Drittel der Steine ist datiert", erklärt Karlheinz Müller, Theologieprofessor an der Würzburger Uni. Mit seinen Studenten und anderen Wissenschaftler aus Europa, Amerika und Israel hat er die stummen Zeugen erforscht, ihre Inschriften übersetzt und gedeutet. Für die Plünderung des Friedhofs kommen zwei Daten in Frage: Die Zeit um das Juden-Progrom im April 1349 oder die Jahre zwischen 1429 und 1446, als Bischof Johann II. von Braun den Friedhof an den Würzburger Bürger Hans Wenzel verkauft hatte.
Fest steht, das Fürstbischof Julius Echter – gegen den Protest der Juden und des Kaisers – auf dem Friedhof im Mai 1576 das "Juliusspital" zu errichten begann. Die vielen Steine waren sehr begehrt und wurden später für den Bau eines Dominikanerinnenklosters verwendet. Seine Außenmauern – und damit die Grabsteine – erhielten sich bis ins Jahr 1987 und überstanden mehrere Brände sowie den Bombenangriff vom 16. März 1945, so Professor Müller.

Als das Gebäude vor 15 Jahren abgerissen wurde, waren es aufmerksame und historisch interessierte Würzburger, die die Grabsteine auf der Baustelle entdeckten. Karlheinz Müller erfuhr davon und verhandelte noch persönlich mit dem Polier über den Erhalt des historisch einmaligen Fundes. Er konnte die Universität Würzburg für die Erforschung der Raritäten begeistern und auch das Kultusministerium erkannte den einmaligen Wert. Ansprüche des Landesamts für Denkmalpflege konnten abgewehrt, der Besitzstand der Jüdische Gemeinde gesichert werden. In acht Semestern und 4271 Arbeitsstunden reinigten, registrierten und fotografierten 175 Theologie-Studenten die Grabsteine.
"Sie sind ein identitätsstiftendes und identitätssicherndes Gedächtnis für die Juden", sagt Professor Müller. "Diese Steine sind Heimatgeschichte. Diese Geschichte verbindet uns, sie verbindet Juden und Christen. Dieser Geschichte kann man sich nicht entziehen. Diese Geschichte wird in diesen Steinen lebendig", betont Albrecht Fürst zu Castell-Castell, Sprecher des Initiativkreises und stellvertretender Vorsitzender des Kuratoriums "Shalom Europa".

Volksblatt, 3. 7 2002: Grundsteine für neue jüdische Identität
Ein Lehrstück über die Ironie der Geschichte sind diese Steine. Gedacht für die Ewigkeit auf dem mittelalterlichen jüdischen Friedhof wurden sie von Bischof Julius Echter, der just auf dem Friedhofsgelände das Juliusspital errichtete, dem Nonnenkloster St. Markus überlassen. Dort wurden sie verbaut und überdauerten in den Mauern selbst den 16. März 1945. Relativ unversehrt und mit rund 1500 Grabsteinen und Fragmenten der mit Abstand größte Fund dieser Art, gewähren sie einen Einblick in die Geschichte jüdischen Lebens vom 12. bis 14. Jahrhundert in Würzburg.
Maßgeblich an ihrer Erforschung war Professor Karlheinz Müller vom Biblischen Institut der Universität beteiligt. Er erkennt in den Judensteinen das kulturelle Gedächtnis der damaligen Gemeinde, das - heute wie damals schon - zu einem "stabilisierenden Mittelpunkt der gegenwärtigen Judengemeinde werden kann”. Aus den Steinen spricht Müller zufolge die Verwirklichung einer jüdischen Identität. Nicht über Reichtum oder Stellung der Toten geben die Grabsteine Auskunft, sondern über ihre Leistungen und Ehrenämter in und für die jüdische Gemeinschaft. "Sie reproduzieren nicht die Vergangenheit, sondern geben ein Beispiel für die Möglichkeit jüdischen Lebens innerhalb der Selbstverwaltung der Gemeinde”.
Seit dem Zusammenbruch des Ostblocks haben jüdische Aussiedler die hiesige überalterte Gemeinde enorm wachsen lassen. ”Diese Zuwanderung hat neues Leben gebracht”, sagte Dr. Josef Schuster, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde in Würzburg und Unterfranken....Daneben haben die Grabsteine für Schuster einen weiteren entscheidenden Wert. "Sie zeigen, daß jüdische Deutsche seit Jahrhunderten in Würzburg und Unterfranken Bestandteil der Gesellschaft sind”, sagte er in Bezug auf die antisemitischen Äußerungen Möllemanns. ‘Vor diesem Bestandteil unserer Geschichte können wir uns nicht davonstehlen’, bekräftigte Fürst Albrecht zu Castell-Castell, Vorsitzender von Shalom Europa. Er würdigte "die Grabsteine als Lebenssteine, die von unseren Vorgängern, Vorfahren und Bürgern dieser Stadt mit einer Botschaft des Friedens sprechen”

Bayernkurier, 27.6.2002: Ein raunender Wald von Steinen

Volksblatt 13.5.2002: Ein Amphorenstück für Professor - Ausstellung "Judensteine aus der Pleich" im Foyer der Neuen Universität eröffnet
Als am Samstag im Foyer der Neuen Universität am Sanderring die Ausstellung "Die Judensteine aus der Pleich" eröffnet wurde, war der prominenteste Besucher schon wieder gegangen: Bundespräsident Johannes Rau hatte es sich trotz knappen Zeitplanes nicht nehmen lassen, bei seinem Würzburg-Besuch die steinernen Zeugnisse des blühenden jüdischen Gemeindelebens in der Domstadt in Augenschein zu nehmen.
Denn die 1504 jüdischen Grabsteinfragmente, die 1987 beim Teilabriss der ehemaligen Klosters St. Marx gegenüber von St. Gertraud in der Pleich geborgen wurden, sind eine Besonderheit: Die Inschriften aus der Zeit von 1146 bis zum Judenpogrom 1349, die der Würzburger Theologe Prof. Dr. Dr. Karl-Heinz Müller mit seinen Studenten in vierjähriger
Arbeit katalogisiert und inventarisiert hat, lassen das mittelalterliche Würzburg als Hochburg jüdischer Wissenschaft und Kultur erscheinen.
Sie stellen gewissermaßen das "Who is who" der jüdischen Gemeinde dar.Wie groß die Gemeinde im Mittelalter war, lässt etwa die Märtyrerliste des "Rindfleisch-Pogroms" von 1298 erkennen, die nicht weniger als 800 Namen verzeichnet. 69 der insgesamt 70 Tonnen wiegenden Fragmente hat Prof. Müller ausgewählt, um die verschiedenen Schriftarten und auch die Bandbreite der Grabtexte zu verdeutlichen, die in einer Übersetzung ebenfalls zugänglich sind...

Main-Echo 12.5.2002: Nirgendwo gibt es mehr mittelalterliche Grabsteine

Jüdische Allgemeine, 24. 4. 2002: "Ein zeitaufwendiges Hobby"- Fragen an den neuen Landesverbandschef in Bayern, Josef Schuster - von Heide Sobotka
Josef Schuster, vor achtundvierzig Jahren in Haifa geboren, ist Internist, verheiratet und Vater von zwei Kindern. Nach dem Tod von Simon Snopkowski sel. A. ist er am 17. März diesen Jahres als dessen Nachfolger in das Amt des Präsidenten des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern gewählt worden...

...Als Sie ins Präsidium des Zentralrats gewählt wurden, sprachen Sie sich dafür aus, die kleineren Gemeinden zu stärken. Haben Sie als Präsident des Landesverbandes jetzt größere Möglichkeiten, dieses Vorhaben zu realisieren?
Schuster: Ich hoffe es. Ich erlebe es immer wieder, daß die Vertreter der großen Gemeinden, die Probleme der kleinen und mittelgroßen Gemeinden einfach nicht ganz nachvollziehen können. Wenn eine Gemeinde vor dem Zuzug bereits zwei-, drei- oder viertausend Mitglieder hatte und jetzt die gleiche Anzahl an neuen Mitgliedern dazu bekommen hat, dann sind dort Fragen der Integration ganz andere, als in den Gemeinden, wie beispielsweise Würzburg, wo zweihundert Altmitgliedern acht- bis neunhundert Neumitgliedern gegenüberstehen. Wo also eine Minorität eine Majorität integrieren soll.
Ich versuche auch immer wieder klar zu machen, daß man gerade die Probleme der neuen Mitglieder sehr ernst nehmen muß. Ich habe ein bißchen die Erfahrung gemacht, daß Vertreter der Großgemeinden die existentiellen Fragen, die die neuen Mitglieder an uns stellen, nicht genügend berücksichtigen. Aber natürlich bin ich mir auch im klaren, daß man nicht alle Wünsche lösen kann. Und wer den zugezogenen Mitgliedern sagt, wir lösen alle Probleme, der sagt nicht die Wahrheit.

Welche Themen außer Staatsvertrag, Integration und jüdische Bildung, liegen Ihnen am Herzen?
Schuster: Die Jugendarbeit, das heißt die jungen Menschen an die Gemeinden zu binden und dies durch eigene Jugendaktivitäten zu schaffen. Zu meiner Zeit gab es Jugendseminare auch auf bayerischer Ebene. So etwas sollte man sich wieder überlegen. Einfach, damit sich jüdische Jugendliche auch untereinander kennenlernen können.

Ihr Vorgänger Simon Snopkowski sel. A. hat über vierzig Jahre die Arbeit des Landesverbandes geprägt. Wird sich durch den Personalwechsel etwas ändern?
Schuster: Ich denke, der Landesverband ist so gut geführt, daß es sicherlich keine radikalen Änderungen geben wird. Ich möchte allerdings die Arbeit nicht als one man show betreiben, sondern sie auf die Kollegen im Präsidium des Landesverbandes verteilen. Ich möchte so auch die Arbeit innerhalb des Landesverbandes transparenter machen.

Sie sind im Präsidium des Zentralrats, Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde Würzburg und nun auch noch Präsident des Landesverbandes der Israelitischen Kultusgemeinden in Bayern. Kommt es da zu Terminschwierigkeiten oder ergeben sich Synergieeffekte?
Schuster: Es ergeben sich natürlich auch Synergieeffekte. Es bedeutet allerdings auch einen zusätzlichen zeitlichen Aufwand. Das ganze kann eigentlich nur dann funktionieren, wenn zum einen die Kollegen und Mitarbeiter in den Gemeinden die Alltagsarbeit, die tägliche Kleinarbeit im Sinne des Vorstandes leisten. Ebenso weiß ich, daß ich einen Rabbiner vor Ort habe, der sich um die religiösen Belange ebenfalls im Sinne des Vorstandes kümmert. Wenn ich auch im Landesverband die entsprechende Unterstützung der Kollegen im Präsidium habe, dann ist das schon realisierbar.

Was treibt Sie an, all diese Ehrenämter auszufüllen? Sie haben Familie, sind Arzt.
Schuster: Ich bin ein wenig familiär vorbelastet. Gemeindearbeit spielte bei uns zu Hause immer eine Rolle. Sie hat mich auch seit der Kindheit schon interessiert. Auf der anderen Seite ist es eine gute Alternative zum Beruf, da es etwas völlig Nichtmedizinisches ist. Man kann tatsächlich mal in dem einen Bereich von dem anderen abschalten. Daß dann für andere Hobbys nicht mehr viel Zeit bleibt und die Familie etwas zu kurz kommt, ist auch klar. Nennen wir es ein zeitaufwendiges Hobby, das man aber auch nur mit Unterstützung der Familie betreiben kann.

 
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