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  Erinnerung an Pogrom vor
72 Jahren: Regierungspräsident
Dr. Paul Beinhofer, Dr. Josef Schuster,
Rabbiner Jakov Ebert und Oberbürgermeister
Georg Rosenthal am Platz der ehemaligen
Synagoge in der Domerschulstraße.
Foto: Georg Wagenbrenner
 
 
Ansprache des Oberbürgermeisters bei der Gedenkveranstaltung zum 72. Jahrestag der Pogromnacht
am 9. November 2010
 
Heute vor 72 Jahren, in der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938, wurden in Deutschland überall Menschen gejagt, misshandelt und getötet – Menschen, die meist ihr ganzes Leben hier verbracht hatten und sich nie auch nur das Geringste hatten zuschulden kommen lassen. In ganz Deutschland wurden in jener Nacht jüdische Friedhöfe geschändet und Synagogen in Brand gesetzt, die Geschäfte und Wohnungen von Bürgern jüdischen Glaubens geplündert und demoliert und fast 30.000 Frauen und Männer grundlos verhaftet und größtenteils in Konzentrationslager verschleppt. Auch in Würzburg kosteten die Ereignisse jener Nacht drei Menschen das Leben, und die Synagoge, die hier an dieser Stelle stand, wurde nach ihrer Verwüstung nur deshalb nicht in Brand gesetzt, weil man ein Übergreifen der Flammen auf die benachbarten Häuser befürchtete.
Was die Nationalsozialisten als spontanen Ausbruch eines angeblichen Volkszorns erscheinen lassen wollten, war in Wahrheit eine von der NSDAP minutiös geplante und gesteuerte Aktion und ein weiterer Schritt auf dem Weg zur staatlich organisierten Vernichtung der jüdischen Minderheit. Die brutale Gewalt und die schrankenlose Willkür, die in jener Nacht in ganz Deutschland herrschten, waren nur der vorläufige Höhepunkt einer Entwicklung, die bereits Jahre zuvor begonnen hatte.
So kam es nach der so genannten Machtergreifung im Januar 1933 immer öfter vor, dass jüdische Bürgerinnen und Bürger auf offener Straße beschimpft, angespuckt, gestoßen oder geschlagen wurden und die Staatsmacht untätig blieb. Gleichzeitig erfolgte schrittweise der vollständige Ausschluss des jüdischen Bevölkerungsteils aus dem wirtschaftlichen und dem gesamten öffentlichen Leben. Und auf die Vernichtung der bürgerlichen Existenz folgte mit erschreckender Konsequenz die physische Vernichtung.
Die zwischen 1933 und 1945 zunächst in Deutschland selbst und dann auch in den von Deutschland besetzten Gebieten an den Menschen jüdischen Glaubens millionenfach begangenen Verbrechen sind so ungeheuerlich, dass die in der Nachkriegszeit allerorten zu beobachtende Verdrängung nur allzu verständlich ist. Die maßgebliche Rolle, die beim Novemberpogrom die NSDAP und bei der Shoa der NS-Staat gespielt hat, bedeutet jedoch für niemanden eine Entlastung.
Der israelische Schriftsteller Amos Oz hatte vollkommen Recht, als er in seinem 2005 erschienenen Buch „Israel und Deutschland“ mit Blick auf die Shoa eine oft verwendete Formulierung als verharmlosend zurückwies und feststellte: Das war „kein schreckliches Verbrechen, das im Namen des deutschen Volkes begangen wurde“, sondern „ein Verbrechen von der Hand eines Teiles des deutschen Volkes, unter Mitwisserschaft eines noch größeren Teiles des deutschen Volkes“.
In der Tat: Die Ausgrenzung und Entrechtung, die Verfolgung und Ermordung der jüdischen Bürger in unserem Land und auch hier in unserer Stadt während des so genannten Dritten Reichs wäre nicht möglich gewesen ohne die aktive Beteiligung eines Teils und das bewusste Wegschauen einer großen Mehrheit der Bevölkerung. Es waren nicht nur „die Nazis“, es waren ganz normale Bürgerinnen und Bürger, die sich in aktiver oder passiver Weise mitschuldig gemacht haben.
Das Erschreckende am Dritten Reich ist nicht zuletzt, dass sich damals in exemplarischer Weise gezeigt hat, wie schnell die zivilisatorische Oberfläche einer modernen Gesellschaft aufreißen kann und welche Abgründe sich dann auftun. Deshalb dürfen wir nicht müde werden, genau auf diese zwölf Jahre zwischen 1933 und 1945 zu schauen und auf Geisteshaltungen und Verhaltensmuster hinzuweisen, die damals einer menschenverachtenden Diktatur den Weg geebnet haben.
In einer wirtschaftlich schwierigen Zeit mit hoher Arbeitslosigkeit war es vor allem das Spiel mit der Angst, das den Nazis die Menschen in die Arme trieb. Besonders die Furcht der bürgerlichen Mittelschicht, ihre mühsam erworbene soziale Stellung zu verlieren, wurde politisch kanalisiert, um eine schwache Demokratie noch weiter zu schwächen, um Andersdenkende zu diffamieren, um Minderheiten, und hier speziell die jüdischen Bürger, zu Sündenböcken zu machen.
Solche Mechanismen gibt es heute noch. In einem gesellschaftlichen Klima, das gekennzeichnet ist von zunehmender Unsicherheit, drohendem Arbeitsplatzverlust, fehlenden Lebensperspektiven, wird Angst geschürt, gedeiht Fremdenfeindlichkeit, funktionieren Schuldzuweisungen an Minderheiten. Seit Jahren schon sind in Deutschland wieder Parolen wie „Ausländer raus“ zu hören, und es sind nicht mehr nur gesellschaftliche Randgruppen, die diese Ansicht vertreten.
Die jüngste Rechtsextremismus-Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung hat ergeben, dass jeder vierte Deutsche ausländerfeindlichen Aussagen zustimmt und sogar jeder dritte Deutsche der Meinung ist, Deutschland sei „in einem gefährlichen Maß“ überfremdet. Und wie die aktuelle Integrationsdebatte zeigt, sind die demokratischen Parteien nicht davor gefeit, dieser Stimmung nachzugeben und am Ziel einer offenen und toleranten Gesellschaft erhebliche Abstriche vorzunehmen.
Als Lehre aus der Shoa und den weiteren Verbrechen in der NS-Zeit müssen wir dieser Entwicklung ein eindeutiges und entschiedenes Bekenntnis zur Menschenwürde entgegensetzen, und zwar zur Würde aller Menschen, unabhängig von ihrer Herkunft, ihrer Nationalität, ihrer Religion, ihrer sexuellen Orientierung, ihrer sozialen Stellung oder ihrer volkswirtschaftlichen Nützlichkeit.
Am 9. November 1938 wurden Bürgerinnen und Bürger brutal verfolgt, denen eine abstruse Rassenlehre ihre Menschenwürde abgesprochen hatte. Von da war es nur noch ein kleiner Schritt zur physischen Vernichtung dieser Menschen. Und das Morden blieb nicht auf jüdische Bürger beschränkt. Wo die Menschenwürde relativiert wird, ist niemand mehr seines Lebens sicher.
Was im so genannten Dritten Reich geschah, darf sich niemals mehr wiederholen. Das macht es so wichtig, die Erinnerung an den 9. November 1938 wach zu halten und sich bewusst zu machen, wie es zu dieser Orgie der Menschenverachtung kommen konnte und was darauf folgte: ein in der Geschichte der Menschheit beispielloser organisierter, bürokratisch gestützter Völkermord, dem Millionen Menschen zum Opfer fielen. Parallel zu einem Zweiten Weltkrieg der ebenfalls millionenfaches Sterben und Leid bedeutete.
In dieser Stunde der Erinnerung ist das Gefühl der Trauer und der Scham über die von Deutschen begangenen und zugelassenen Verbrechen übermächtig. Trotzdem wäre es auch in einer solchen Stunde falsch, die ehemaligen Angehörigen der traditionsreichen Jüdischen Gemeinde in unserer Stadt auf die Opferrolle zu reduzieren. Das wäre ebenfalls eine Form der Missachtung.
Die Synagoge, die bis zum 16. März 1945 hier stand, war das spirituelle Zentrum eines intensiven Gemeindelebens in der zweiten Hälfte des 19. und im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts, das in Gestalt der Würzburger Orthodoxie und durch das Wirken der renommierten Israelitischen Lehrerbildungsanstalt nach ganz Deutschland und darüber hinaus ausstrahlte.
Davor war Würzburg im Hochmittelalter schon einmal ein europaweit bedeutendes Zentrum jüdischer Religiosität, Bildung und Kultur gewesen. Und jahrhundertelang haben Frauen und Männer jüdischen Glaubens zum wirtschaftlichen, kulturellen, gesellschaftlichen und politischen Leben in unserer Stadt einen großen und sehr positiven Beitrag geleistet.
Wir können uns glücklich schätzen, dass es nach dem brutalen Einschnitt durch die Shoa in unserer Stadt heute wieder eine blühende Jüdische Gemeinde gibt, dass jüdische Kultur und jüdisches Alltagsleben wieder ein integraler Bestandteil unserer Stadtgesellschaft sind.
Der Bau des vor vier Jahren eingeweihten Kultur- und Gemeindezentrums Shalom Europa war nicht zuletzt ein Zeichen des Vertrauens in die Stabilität unseres demokratischen Rechtstaats, der allen Menschen ihre Würde garantiert.
Sehr verehrter Herr Dr. Schuster, sehr geehrter Rabbiner Jakov Ebert, sehr geehrte Mitglieder der Jüdischen Gemeinde, im Namen der Stadt Würzburg und des Würzburger Stadtrates versichere ich Ihnen: Wir werden alles tun, um dieses Vertrauen nicht zu enttäuschen. Wir werden alles tun, für ein tolerantes und respektvolles Miteinander.
 
http://www.wuerzburg.de/de/verwaltungpolitik/rathaus/aktuell/ob/30225.Gedenken_an_Pogrom_und_Shoa_Platzscher_Garten_wird_zum_Mahnmal.html
 
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