SCHALOM UND HERZLICH WILLKOMMEN!
WWW.

EN

RU

Startseite

- Jüdische Gemeinde Würzburg

Israelitische Kultusgemeinde Würzburg und Unterfranken

Das jüdische Leben in Würzburg reicht in das Jahr 1100 zurück. Die Würzburger Gemeinde gilt als traditionelle Gemeinde mit orthodoxer Ausrichtung. Hier verbindet man die Traditionen der „Würzburger Orthodoxie“ vom 19. Jahrhundert mit der weltoffenen und zeitgenössischen Entwicklung unserer Zeit.

Die Synagoge ist das Zentrum des Gemeindelebens mit G’ttesdienst und Religionsunterricht für Schüler und Erwachsene.

 

Eine wichtige Gemeindeaufgabe ist auch die Sozial- und Integrationsarbeit. Mit breit angelegten Hilfsangeboten begleiten und unterstützen die Beraterinnen der Sozialabteilung die Eingliederung der zugewanderten jüdischen Menschen aus der ehemaligen Sowjetunion in die hiesige Gesellschaft sowie in die Gemeinde.

 

Besonders wichtig ist uns aber auch eine gut funktionierende Kinder- und Jugendarbeit in der Gemeinde. Hierbei versuchen wir traditionelle jüdische Erziehung mit modernen pädagogischen Konzepten zu verbinden, um die junge Generation zu verantwortungsbewussten und toleranten Menschen heranwachsen zu lassen.

 

Zahlreiche kulturelle Maßnahmen haben das Gemeindezentrum „Shalom Europa“ für viele Würzburger aber auch darüber hinaus bekannt und populär gemacht. Es ist ein Ort der Begegnung für Juden und Nichtjuden.

Kurze Geschichte der jüdischen Gemeinden in Würzburg

 

 

Vor etwa 900 Jahren ließen sich zum ersten Mal Juden in Würzburg nieder. Sie waren aus Mainz und anderen Städten am Mittelrhein wegen der Pogrome des 1. Kreuzzugs von 1096 geflohen. Sie wählten die Bischofsstadt am Main zum neuen Wohnsitz, die zu dieser Zeit gerade einen ersten Aufschwung als Handelsort nahm. Obwohl auch hier im Zuge des 2. Kreuzzugs 1147 mindestens 22 Personen ermordet wurden, zeigte sich doch während dieser Verfolgung, dass der Bischof als Schutzherr die Juden unterstützte. Bereits zu diesem Zeitpunkt gehörten einige bedeutende Gelehrte zur Gemeinde.

In den Jahrzehnten im mittleren 12. Jahrhundert konsolidierte sich die Gemeinde, deren Synagoge auf dem heutigen Marktplatz 1170 zum ersten Mal erwähnt wird; ihr Friedhof entstand an der Stelle des heutigen Juliusspitals kurz nach dem Pogrom von 1147. Das Wohngebiet der Juden lag in der Nähe der Synagoge, bestand jedoch nicht aus einem abgeschlossenen Viertel. Hier erwarben die Juden in den folgenden Jahrzehnten eine ganze

Anzahl von Häusern.

Im 13. Jahrhundert gelangte die Gemeinde, die inzwischen über die volle Infrastruktur verfügte, wie sie für große mittelalterliche Gemeinden

kennzeichnend ist, zu großer Blüte. Gelehrte von Rang, die mit anderen Gelehrten in Aschkenas in regem Austausch standen, lebten hier und unterrichteten Schüler, die selber wieder an ihren späteren Wirkungsorten

Berühmtheit erlangten. Zu diesen gehörte z.B.

Rabbi Meir von Rothenburg. Welchen hohen Rang das Talmud-Studium in Würzburg genoss, erhellt unter anderem aus den Inschriften des mittelalterlichen Friedhofs.

Seit etwa 1270 zogen schwierigere Zeiten für die jüdische Gemeinde auf, als Bischof und Stadt begannen, über das Judenschutzrecht zu streiten. Eine vernichtende Katastrophe, von der die Gemeinde sich bis ins 19. Jahrhundert nicht mehr erholen sollte, traf sie dann mit den 1298 einsetzenden Pogromwellen: In diesem Jahr wurde die Judenschaft komplett vernichtet, mehr als 800 Menschen kamen zu Tode. Eine neue Gemeinde entstand an

gleicher Stelle erst etwa 10 Jahre später, sie gelangte erneut zu wirtschaftlicher Bedeutung.

1337, als die nächste Pogromwelle anrollte, gelang es dem Stadtrat weitgehend, Gewalttaten zu verhindern. Wenig später, im Zuge der Pestverfolgungen 1349 wurde dann jedoch die Gemeinde komplett vernichtet, ihr Besitz eingezogen, die Synagoge abgerissen und an ihrer Stelle die Marienkapelle errichtet.

 

Für etwa fünf Jahrzehnte ließen sich hiernach kaum mehr Juden verlocken, nach Würzburg zu ziehen. Erst zu Beginn des 15. Jahrhunderts sollte sich dies wieder ändern. Doch es entwickelte sich nun, abhängig von der Politik der Bischöfe, ein  ständiges Auf und Ab zwischen Aufnahme und Ausweisung. Von einem Gemeindeleben konnte nur selten die Rede sein. Das 16. Jahrhundert sah eher eine Steigerung dieser Politik, bis hin zu Bischof Julius Echter von Mespelbrunn, der auch die Portestanten aus der Stadt vertrieb: Er enteignete den jüdischen Friedhof und errichtete dort gegen die Proteste der Judenschaft im ganzen Land sein Juliusspital. Unter seinem Nachfolger wurden die Juden dann endgültig und dauerhaft 1642 aus der Stadt verbannt.

Angesichts dieser Unsicherheit verlagerte sich das jüdische Leben schon seit dem 15. Jahrhundert allmählich aufs Land und ganz besonders in das ländliche Umfeld der größeren Städte. Es dauerte jedoch noch bis in die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts, bis sich hier Gemeinden wirklich konsolidieren und eine neue Infrastruktur aufbauen konnten. Es entstand das für Süddeutschland und besonders für Franken typische Landjudentum. In Würzburg hingegen dauerte es bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts, bis einzelne Juden wieder zuziehen durften. Es waren vor allem wohlhabende Familien wie die Familie Hirsch aus Gaukönigshofen, denen dieses Vorrecht vom Staat aus wirtschaftlichen Gründen 1803 eingeräumt wurde. Die jüdische Gemeinschaft, die sich in privaten Beträumen zum Gottesdienst traf, wuchs nur langsam, weil sich noch immer trotz gewisser rechtlicher Verbesserungen (im Bereich Gewerbeausübung, Ausbildung und Berufswahl) Juden nicht am Ort ihrer Wahl ansiedeln durften. 1816 wurde ihnen vorgeschrieben, sich feste Familiennamen zuzulegen. Der Zuzug der Juden und vor allem ihre weitgehende wirtschaftliche Gleichstellung alarmierte die christliche Konkurrenz, Händler und Handwerker, und veranlasste sie zu Gewalttätigkeiten gegen die Juden. Diese so genannten „Hep-Hep-Unruhen“ verbreiteten sich 1819 von Würzburg aus über ganz Deutschland und flackerten auch in den Folgejahren immer wieder auf.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 Dies bot seinen Studenten, die sich als angehende Rabbiner mit der Erwartung eines wissenschaftlichen Studiums konfrontiert sahen, die Möglichkeit, parallel zum Besuch der Jeschiwa Kurse an der Universität zu belegen. Würzburg wurde dadurch zu einem der wichtigsten Standorte der Ausbildung künftiger orthodoxer Rabbiner. Namentlich Nathan Marcus Adler, Seligmann Bär Bamberger, Isaak Bernays und Jakob Ettlinger zählten zu den bekannten Studenten von Abraham Bing. Erst auf Druck des Staates, dem die Versammlungen in den privaten Beträumen verdächtig waren, schloss sich die jüdische Gemeinschaft zu einer Gemeinde zusammen und ging vor allem an den Bau einer Synagoge in der Domerschulstrasse 21. Hier entstand seit 1836 auf einem Hofgrundstück ein Gebäude im ägyptischen Stil – weil es der König so entschieden hatte. Sie wurde 1841 eingeweiht – kurz nach dem Tod von Oberrabbiner Abraham Bing. Bei der Wahl von dessen Nachfolger hatten sich 1840 die orthodoxen Landgemeinden gegen die Liberalen in Würzburg durchgesetzt und Seligmann Bär Bamberger aus Wiesenbronn zum neuen Rabbiner gewählt. Er sollte in den folgenden knapp vier Jahrzehnten die Ausrichtung des Judentums in Unterfranken stark prägen, indem er einerseits auf der Einhaltung der Halacha bestand, sich andererseits aber in Fragen, die dem Gesetz nicht zuwider liefen, auch kompromissbereit zeigte.

Hierzu gehörte die Einsicht, dass ein Fortbestehen des traditionsbewussten Judentums nur möglich sein würde, wenn es über entsprechende Bildungsinstitutionen auch an die junge Generation weiter vermittelt würde. So gründete Seligmann Bär Bamberger 1856 eine private „israelitische Erziehungs- und Unterrichtsanstalt“ als sechsklassige Volksschule, die im Hinterhaus im Hof der Synagoge eingerichtet wurde. Um dem Mangel an solide ausgebildeten Religionslehrern abzuhelfen, wurde wenige Jahre später, 1864 die ebenfalls privat finanzierte Israelitische Lehrerbildungsanstalt (ILBA) eröffnet. Ihre Schüler stammten überwiegend aus den armen unterfränkischen Landgemeinden. Die Schule wurde zu einem großen Erfolg und begründete den Ruf Bambergers als „Würzburger Rav“. Weitere Institutionen ergänzten die Ausstattung der seit 1861, seit der Aufhebung der Wohnortbeschränkung stark wachsenden Gemeinde: So wird 1885 das Krankenhaus und sechs Jahre später dazu ein Altenheim („Pfründnerhaus“) eröffnet, 1926 das „Landesheim für Sieche“, das 1931 einen Neubau im Garten des Kranken- und Pfründnerhauses bekam. Neben den Gottesdiensten in der Hauptsynagoge an der Domerschulstrasse fanden zu Beginn des 20. Jahrhunderts Versammlungen zum gemeinsamen Gebet in fünf weiteren, kleineren Synagogenräumen statt.Der Einsatz jüdischer Soldaten im 1. Weltkrieg, der wirtschaftliche Erfolg und die gesellschaftliche Integration erreichten in den 1920er Jahren einen Höhepunkt, während zugleich bereits die antisemitische Agitation der Nationalsozialisten einen Vorgeschmack auf die kommenden Zeiten bot. Erste Boykottaktionen gegen jüdische Geschäfte fanden nach der Machtergreifung bereits im März 1933 statt, der Boykott am 1. April wurde mit aller Härte umgesetzt. Schnell griffen auch in Würzburg die Gesetze des NS-Staates, die Juden aus dem öffentlichen Dienst entfernten sowie ihnen die Ausbildung an Universitäten und Schulen bald unmöglich machten. Seit 1935 wurden jüdische Geschäfte und Firmen „arisiert“.

Der 9./10. November 1938 zeigte dann unmissverständlich, dass die NSDAP es ernst meinte mit der Verfolgung der Menschen und der Zerstörung ihres Besitzes. Die Würzburger Synagoge wurde verwüstet, die in Heidingsfeld niedergebrannt, zahllose Wohnungen und Geschäfte demoliert, knapp 300 Männer erst verhaftet und anschließend ins KZ nach Buchenwald oder Dachau verschleppt. Mindestens vier Menschen starben. Jeder bemühte sich jetzt um eine Emigration, während die Lebensmöglichkeiten immer stärker eingeschränkt wurden. Viele mussten ihre Wohnungen oder Häuser verlassen und in kleinere Wohnungen umziehen, über Zwischenstufen landeten dann die meisten in den überfüllten Sammelunterkünften in der Dürerstr. 20, in der Konradstr. 3 und in der Bibrastr. 6. Einige wenige kamen im Gebäude auf dem jüdischen Friedhof unter – fast eine „Oase“ im Grünen. In der Bibrastr. wurde auch der Betrieb der Volksschule noch bis 1942 aufrechterhalten.

 

Am 27. November 1941 wurde eine erste Gruppe jüdischer Bürger Würzburgs mit 202 Personen nach Riga deportiert. Es folgten vier weitere Transporte aus Unterfranken im Jahr 1942: im Frühjahr zwei nach Polen in den Raum Lublin, die niemand überlebte, und im September zwei nach Theresienstadt, schließlich im Juni 1943 ein letzter nach Auschwitz und Theresienstadt. Insgesamt 921 Personen wurden damit direkt aus Würzburg deportiert, nur knapp 50 von ihnen überlebten. Weitere aus Würzburg stammende Juden haben die Nationalsozialisten von anderen deutschen Städten oder aus Holland, Belgien oder Frankreich in die Vernichtungslager transportiert.Von den wenigen, die Riga, Theresienstadt und vereinzelt andere KZ’s überlebten, kamen seit Juli 1945 einige nach Würzburg zurück. Als sich im November des Jahres die Gemeinde wieder gründete, bestand sie aus 23 ehemaligen Würzburgern und 36 Personen aus anderen Orten Unterfrankens oder aus Osteuropa. Sie fanden in der weitgehend zerstörten Stadt im Gebäude auf dem Friedhof, in der ehemaligen Villa Mandelbaum und im Gebäude des ehemaligen Landesheims eine Bleibe. Noch im November 1945 errichteten sie auf dem Friedhof ein Mahnmal zum Gedenken an alle, die in den Lagern in Lettland, Polen und in Theresienstadt ermordet worden waren.

1946/47 wanderten einige der Überlebenden in die USA aus, dafür kehrten in den 1950er Jahren andere wie z.B. die Familie Schuster nach Deutschland zurück. Nachdem in den ersten Jahren nach der Shoa David Rosenbaum die Gemeinde und das Altersheim geleitet hatte, prägte von 1958 bis 1996 David Schuster die weitere Entwicklung. Er machte sich um den Neubau der Synagoge (1970 eingeweiht) verdient und hat Enormes geleistet für die Verständigung zwischen den Mitgliedern der jüdischen Gemeinde und den übrigen Bürgern der Stadt. Dass er und die anderen Vorsteher der Gemeinde aus Unterfranken stammten, hat es der Gemeinde im Unterschied zu den meisten anderen Gemeinden in Deutschland ermöglicht, sich in bewusster Kontinuität an den Traditionen der Zeit vor 1933 zu orientieren.

So sieht sich auch die heutige Gemeinde in der von Seligmann Bär Bamberger bestimmten Tradition einer weltoffenen Orthodoxie. Die Gemeinde blieb seit 1945 klein und war stark überaltert. Durch den Zuzug aus der ehemaligen Sowjetunion seit 1992 wuchs sie auf etwa 1.200 Mitglieder an; die Räumlichkeiten im Gemeindezentrum reichten nicht mehr aus. Mit breiter Unterstützung aus Politik und Bevölkerung gelang ihr der Neubau des Zentrums Shalom Europa, das im Jahr 2006 eingeweiht werden konnte.

 

 

Quelle:

Remembrance and Encounter. Biographical Traces of Würzburg Jewry on the Occasion of the Visit of Former Jewish Citizens in Würzburg, 16 to 23 April 2012, ed. by the Johanna Stahl Center for Jewish History and Culture in Lower Franconia and the Stolperstein Initiative Würzburg, Würzburg 2012, S. 7- 13, dt. Originalfassung.

 

Literatur:

Hans-Peter Baum/Reiner Leng/Robert Meier, Kehillot Keddoschot (Heilige Gemeinden). Die Geschichte der unterfränkischen Juden im Spiegel der neuen Ausstellung des jüdischen Dokumentationszentrums, Würzburg 2007.

Roland Flade, Die Würzburger Juden. Ihre Geschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart, 2., erw. Auflage, Würzburg 1996. Albrecht Liess (Hg.), Wege in die Vernichtung. Die Deportation der Juden aus Mainfranken 1941- 1943. Begleitband zur Ausstellung des Staatsarchivs Würzburg und des Instituts für Zeitgeschichte München-Berlin, München 2003.

Jüdisches Viertel im Stadtzentrum im Mittelalter, aus: Baum u.a., Kehillot Keddoschot, S. 12.

Jahr

Anzahl der Juden

1814/15

1820er c

1852

1871

1900

1933

138

ca. 200

496

1.518

2.567

2.145

Gruppe aus dem jüdischen Kindergarten mit den beiden Vorsteherinnen Bella Kohn und Erna Gundersheimer, Würzburg 1931, Ruth Koplowitz/ Sammlung Dr. Roland Flade, aus: Flade Würzburger Juden, S. 156.

Opfer der dritten Deportation auf ihrem Weg zur Bahnstation Aumühle Würzburg, 1942, aus:

Liess, Wege in die Vernichtung, S. 129.

Schnell entwickelte sich Würzburg zum neuen Zentrum des unterfränkischen Judentums, denn schon 1814 zog der bislang in Heidingsfeld residierende Oberrabbiner Abraham Bing nach Würzburg. Dies bot seinen Studenten, die sich als angehende Rabbiner mit der Erwartung eines wissenschaftlichen Studiums konfrontiert sahen, die Möglichkeit, parallel zum Besuch der Jeschiwa Kurse an der Universität zu belegen. Würzburg wurde dadurch zu einem der wichtigsten Standorte der Ausbildung künftiger orthodoxer Rabbiner. Namentlich Nathan Marcus Adler, Seligmann Bär Bamberger, Isaak Bernays und Jakob Ettlinger zählten zu den bekannten Studenten von Abraham Bing. Erst auf Druck des Staates, dem die Versammlungen in den privaten Beträumen verdächtig waren, schloss sich die jüdische Gemeinschaft zu einer Gemeinde zusammen und ging vor allem an den Bau einer Synagoge in der Domerschulstrasse 21. Hier entstand seit 1836 auf einem Hofgrundstück ein Gebäude im ägyptischen Stil – weil es der König so entschieden hatte. Sie wurde 1841 eingeweiht – kurz nach dem Tod von Oberrabbiner Abraham Bing. Bei der Wahl von dessen Nachfolger hatten sich 1840 die orthodoxen Landgemeinden gegen die Liberalen in Würzburg durchgesetzt und Seligmann Bär Bamberger aus Wiesenbronn zum neuen Rabbiner gewählt. Er sollte in den folgenden knapp vier Jahrzehnten die Ausrichtung des Judentums in Unterfranken stark prägen, indem er einerseits auf der Einhaltung der Halacha bestand, sich andererseits aber in Fragen, die dem Gesetz nicht zuwider liefen, auch kompromissbereit zeigte.Schnell entwickelte sich Würzburg zum neuen Zentrum des unterfränkischen Judentums, denn schon 1814 zog der bislangn Heidingsfeld residierende Oberrabbiner Abraham Bing nach Würzburg.

Bevölkerungszahl Würzburger Juden 1814-1933

Rotraud Ries

Aus der Geschichte der jüdischen Gemeinden im deutschen Sprachraum / quelle /

Die Geschichte der Würzburger Juden im Mittelalter

Zu Beginn des 12.Jahrhunderts befand sich das „Judenkirchhöflein“ nahe des Schmalzmarkts (in der heutigen Blasiusgasse). Nachdem diesesBegräbnisgelände belegt war, kaufte ein wohlhabender Jude im Jahre 1147 ein Grundstück im Pleicher Viertel und legte hier einen neuen Friedhofan; auf diesem Areal wurden zahlreiche Juden begraben.

Entweder in den Jahren nach der Judenverfolgung (1349) oder in den Jahren zwischen1429 und 1446 wurde dieser Friedhof zerstört: Ein großer Teil der Grabsteine wurde abgeräumt und für städtische Bauwerke weiter verwendet.

Anm.: Auf dem Gelände des Pleicher Friedhofs ließ Fürstbischof Julius Echter 1576 das Juliusspital errichten. Seit 2013 erinnert hier eine Skulptur des Bildhauers Kurt Grimm an dieeinstige Nutzung als mittelalterliche jüdische Begräbnisstätte.

An der Spitze der jüdischen Gemeinschaft Würzburgs stand ein Gremium von zwölf Männern, das im Namen der gesamten WürzburgerJudenschaft handelte. An der um 1200 in Würzburg eingerichteten talmudischen Hochschule wirkten bedeutende jüdische Gelehrte.

Bereits um 1100 hatten sich Juden in Würzburg niedergelassen; vermutlich waren sie aus rheinischen Städten wegen der dortigen Massaker von1096 hierher geflohen. 1147 vernichtete ein Pogrom in Würzburg die hier siedelnden Juden. In einer Chronik heißt es dazu: „

... Ohne Zögern und ohne Mitleid wurden alt und jung, Frauen und Kinder unterschiedslos niedergemacht

. “

In der zweiten Hälfte des 12. und im 13. Jahrhunderts stand die mittelalterliche jüdische Gemeinde Würzburgs in voller Blüte. Zahlreiche Familienlebten in der Gegend der heutigen Schustergasse, des Schmalzmarktes und des Oberen Marktes, damals als „platae Judaeorum” bezeichnet;Mittelpunkt des jüdischen Viertels war die 1170 erstmals erwähnte Synagoge.

Das jüdische Viertel (Radierung von 1572, Ausschnittsvergrößerung, aus: R. Flade)

jüdischer Friedhof mit X markiert(Abb. aus: wikipedia.org,gemeinfrei)

Zu Beginn des 12.Jahrhunderts befand sich das „Judenkirchhöflein“ nahe des Schmalzmarkts (in der heutigen Blasiusgasse). Nachdem diesesBegräbnisgelände belegt war, kaufte ein wohlhabender Jude im Jahre 1147 ein Grundstück im Pleicher Viertel und legte hier einen neuen Friedhofan; auf diesem Areal wurden zahlreiche Juden begraben.

Entweder in den Jahren nach der Judenverfolgung (1349) oder in den Jahren zwischen1429 und 1446 wurde dieser Friedhof zerstört: Ein großer Teil der Grabsteine wurde abgeräumt und für städtische Bauwerke weiter verwendet.

Anm.: Auf dem Gelände des Pleicher Friedhofs ließ Fürstbischof Julius Echter 1576 das Juliusspital errichten. Seit 2013 erinnert hier eine Skulptur des Bildhauers Kurt Grimm an dieeinstige Nutzung als mittelalterliche jüdische Begräbnisstätte.

An der Spitze der jüdischen Gemeinschaft Würzburgs stand ein Gremium von zwölf Männern, das im Namen der gesamten WürzburgerJudenschaft handelte. An der um 1200 in Würzburg eingerichteten talmudischen Hochschule wirkten bedeutende jüdische Gelehrte.

 

Im christlichen Dietrich-Spital wirkte um 1220 der jüdische ArztSüßkind, der vermutlich identisch ist mit dem Minnesänger Süßkind von Trimberg (auf der Abbildung rechts, aus: wikipedia.org, CCO).

sog. „Vogelkopf-Hagadah“ aus dem Raume Würzburg (?), 13./14.Jahrh. (Abb. aus: ojm.at)

Dem sog. „Rindfleisch-Massaker” - Tausende Juden in den süddeutschen Städten wurden erschlagen - fielen allein in Würzburg etwa 900Menschen zum Opfer; diese Bluttat fand in mehreren Klageliedern ihren Niederschlag.

Als Jahrzehnte später (1336) die marodierenden Haufen des Ritters Arnold von Uissigheim (sog. Ritter Armleder) sich auch Würzburg zuwandten,nahmen der Magistrat und die Bürgerschaft die jüdische Bevölkerung Würzburgs in ihren Schutz und drohten gleichzeitig allen Sympathisanten derErhebung mit dauernder Ausweisung aus der Stadt.

aus: "Bischofschronik" von Lorenz Fries,Universitätsbibliothek Würzburg

Nur wenige Jahre später besiegelte der Pestpogrom von 1349 das Ende der einst blühenden mittelalterlichen jüdischen Gemeinde von Würzburg.

 

Aus der Würzburger Bischofschronik:

„ ... und gingen die Christen so grausam und unerbermiglich mit ihnen umb, das etliche Juden zu wirtzburg, die auch mit Rechtangetzogen wurden (Anm.: vor Gericht beklagt) und nit allain die strenge der echten, Sunder auch der gemeinen Burgere toben forchteten, amdinstag acht tag nach ostern früe ire aigene heüsere, die si zuüor wol versperet heten, anzündeten und sich selbs auch ire weib und kindeund darzu alle ire hab und gütere mit inen verbranten ...”

Verbrennung der Juden (aus: „Würzburger Bischofschronik“ des Lorenz Fries, Stadtarchiv Würzburg)

Anm.: Lorenz Fries (Laurentius Frisius) war fürstbischöflicher Sekretär, Rat und Archivar in Würzburg und gilt als der bedeutendste fränkische Geschichtsschreiber des 16.Jahrhunderts. Seine Hauptwerke sind die "Würzburger Bischofs-Chronik" und "Die Geschichte des Bauernkriegs in Ostfranken". Die Würzburger Bischofschronik reicht bis ins Jahr1495, wurde darüber hinaus jedoch bis ins 18. Jahrhundert hinein von verschiedenen Schreibern fortgeführt.

 

Als Buße für den Mord an den Würzburger Juden ließ der Würzburger Bischof Gebhard von Schwarzenburg 1378 an der Stelle der alten Synagogedie Marienkapelle errichten. Eine Gedenktafel erinnert heute noch daran:

"Würzburg " auf einer Karte von ca. 1585 (Abb. aus: schweinfurtfuehrer.de)

In den folgenden Jahrhunderte wurde die Ansiedlung von Juden in Würzburg mal geduldet, mal wurden sie vertrieben; zeitweiligen Schutzerhielten nur die sehr wenigen Familien, die über ein bestimmtes Vermögen verfügten und den Herrschenden meist als ‚Hoffaktoren’ undFinanziers zu Diensten waren.

Seit Anfang des 18.Jahrhunderts entwickelte sich Heidingsfeld, heute in Würzburg eingemeindet, zum jüdischen Zentrum in Unterfranken; hierhinwaren diejenigen Juden geflüchtet, die aus Würzburg und anderen Städten vertrieben worden waren bzw. dort keine Schutzbriefe erhalten hatten. InHeidingsfeld existierte bereits ab dem 13.Jahrhundert eine jüdische Gemeinde; ab 1695 war es Sitz des Oberrabbinats. Ende des 18.Jahrhundertserrichtete die jüdische Gemeinde in Heidingsfeld eine imposante Synagoge im Barockstil. Zu Beginn des 19.Jahrhunderts zählte die jüdischeGemeinde in Heidingsfeld etwa 600 Mitglieder.

Am Mainufer in Würzburg zu Beginn des 19.Jahrhunderts - Stich (Abb. aus: wikipedia.org, gemeinfrei)

Gegen den Widerstand des Magistrats erhielt 1803 die erste jüdische Familie wieder von der bayrischen Regierung ein Niederlassungsrecht inWürzburg; weitere folgten zögerlich nach. Im Zuge der sog. „Hepp-Hepp-Krawalle “ 1819 - diese Verfolgungswelle nahm in Würzburg ihrenAusgang - wurden Wohnungen, Geschäfte und Warenlager jüdischer Familien stark in Mitleidenschaft gezogen; der städtische Mob zogmarodierend durch die Straßen und zwang die wenigen jüdischen Familien zur Flucht ins Umland. Gesteuert und in Szene gesetzt wurden dieTumulte von Kreisen des Würzburger Handels, denen die neue Konkurrenz ein Dorn im Auge war. Nach Ende der antijüdischen Ausschreitungenkehrten alle Würzburger Juden wieder in die Stadt zurück, nachdem sie mehrere Tage unter Schutz des Militärs vor der Stadt im Freien kampiert hatten.

 

Die neuzeitliche Würzburger Kultusgemeinde wurde offiziell 1836 gegründet. Die Stadt entwickelte sich seitdem zum geistigen und religiösenMittelpunkt der fränkischen Juden und zum Zentrum des orthodoxen deutschen Judentums.

Als Rabbiner in Würzburg amtierten:

Abraham Bing(1813-1840), Seligmann Bär Bamberger (1840-1878), Nathan Bamberger (1878-1919), Dr. Siegmund Hanover (1920-1939) und Dr. Selig S.Auerbach (als zweiter Rabbiner: 1932-1934).

 

Abraham Bing (geb. 1752 in Frankfurt/M.) war nach seiner Rabbiner-Ausbildung zunächst Talmudlehrer in Frankurt, danach Lehrer für jüdische Religion in Offenbach/Main. In denJahren 1778 bis 1796 übte er das Richteramt am Beth Din (Gerichtshof) in Frankfurt aus. In seinen letzten vier Lebensjahrzehnten amtierte Abraham Bing als gewählter Landesrabbinerin Würzburg und fungierte dort zeitweilig als Leiter der dortigen Jeschiwa. Er war einflussreicher Vertreter der Orthodoxie und entschiedener Gegner des damals aufkommendenReformjudentums. 1841 verstarb Abraham Bing in Würzburg und wurde als erster Würzburger Jude auf dem israelitischen Friedhof in Höchberg beerdigt - wie zahlreiche Rabbinernach ihm.

 

Unter ihrem Oberrabbiner Seligmann Bär Bamberger erlangte die Würzburger Gemeinde Weltruf.

 

Als Sohn eines Kleinhändlers wurde Seligman Bär Bamberger 1807 in Wiesenbronn/bei Kitzingen geboren und wuchs hier in den Traditionen des fränkischen orthodoxenLandjudentums auf. Nach fünfjährigem Besuch der Jeschiwa in Fürth kehrte Bamberger in sein Heimatdorf zurück. Nach seiner Heirat (mit der Tochter des Fuldaer Rabbiners) widmeteer sich wieder seinen Studien. Öffentlich in Erscheinung trat er erstmals 1836, als er bei einem Disput vehement die Position der jüdischen Orthodoxie vertrat. Vier Jahre späterübernahm er das Amt des Würzburger Rabbiners. In erster Linie war er um die religiöse Erziehung der Jugend bemüht. Bamberger leitete in Würzburg eine eigene Jeschiwa, gründete1856 die private „Israelitische Erziehungs- und Unterrichtsanstalt“ und errichtete 1864 ein Seminar zur Lehrerausbildung an traditionell jüdischen Schulen.

 

Gedenktafel am Campus derAlten Universität (Abb. aus: wikipedia.org)

Der „Würzburger Raw“ starb 1878 während des Gottesdienstes; sein Grab befindet sich auf dem jüdischen Friedhof in Höchberg.

Ausschreibung der Rabbinatsstelle (aus: "Allgem. Zeitung d. Judentums",20.Jan.1880)

Sein Sohn,Nathan Bamberger (geb. 1842 in Würzburg) führte nach dem Tod seines Vaters (1878) dessen Amt als Würzburger Distriktrabbinerweiter. Während seiner vier Jahrzehnte andauernden Amtszeit engagierte sich der strenggläubige Nathan B. für das Wohlfahrtswesen innerhalb der Gemeinde. Zudem unterstützte er denAufbau jüdischer Gemeinden in Palästina, indem er erhebliche Gelder ihnen zukommen ließ. Loyal gegenüber der bayrischen Monarchie und dem deutschen Kaisertum rief er dieMitglieder der jüdischen Gemeinde während des Ersten Weltkrieges zur Zeichnung von Kriegsanleihen auf. Nathan Bamberger verstarb 1919 an seiner Wirkungsstätte in Würzburg.

Gottesdienste wurden zunächst in sieben Haussynagogen wohlhabender Würzburger Juden abgehalten. 1831 wurde ein gemeinsamer Betsaalangemietet, der sich aber bald als zu klein erwies. Zwischen 1838 und 1841 errichtete die man in der Domerschulstraße einen großenSynagogenbau

Programmablauf bei der Synagogeneinweihung (Deckblatt):

aus: „Allgemeine Zeitung des Judentums" vom 2.Okt. 1841

Stellenausschreibungen der Würzburger Kultusgemeinde:

Anzeigen in der Zeitschrift "Der Israelit" vom 7. Mai 1879, vom 23.Juli 1891 und vom 19.Juni 1893

Die Geschichte der Würzburger Juden seit 19. Jahrhundert

Seit der Jahrhundertwende verfolgte die jüdische Gemeinde den Plan des Baues einer neuen Hauptsynagoge; der 1903 gegründete Synagogen-Neubau-Verein sammelte in den Folgejahren Spendengelder. 1912 waren die Vorbereitungen so weit gediehen, dass mit dem Bau der neuen Synagoge hätte beginnen werden können. Doch durch den Ausbruch des Ersten Weltkrieges und die Inflationszeit zerschlugen sich die Pläne.Schließlich entschloss sich die Gemeinde zu einem größeren Umbau bzw. einer Renovierung der bisherigen Hauptsynagoge in der Domerschulstraße; im September 1926 konnte die Wiedereinweihung der Synagoge gefeiert werden.

Innenansicht der renovierten Synagoge (hist. Aufn., Stadtarchiv)

Für die Gemeindemitglieder aus Osteuropa wurde 1924 eine „Wochentags-Synagoge“ eingerichtet.

Seit 1864 bestand in Würzburg die „Israelitische Lehrerbildungsanstalt“, die im Sinne jüdischer Orthodoxie ausbildete und deren Absolventen inallen orthodoxen Gemeinden Europas Ansehen genossen. Die Anstalt bestand bis in die 1930er Jahre.

Israelitische Lehrerbildungsanstalt (Bibrastraße)

aus der Zeitschrift "Der Israelit" vom 21.Febr. 1924

Anfang der 1880er Jahre erhielt die jüdische Gemeinde vor der Stadt (im heutigen Stadtteil Lengfeld) eine Begräbnisstätte zugewiesen; in den Jahrzehnten zuvor waren verstorbene Würzburger Juden auf den israelitischen Friedhöfen der Landgemeinden in Heidingsfeld und Höchberg bestattet worden.

Drei Jahre nach Eröffnung des Friedhofs erwarb eine mit der Isr. Kultusgemeinde eng verbundene Stiftung ein in der Dürerstraße und richtetedarin ein Krankenhaus ein; 1892 wurde im Anbau das erste jüdische Altersheim Würzburgs ("Pfründnerhaus") eingeweiht.

 

Israelitisches Krankenhaus u. Altersheim (hist. Aufn.,Stadtarchiv)

Statistik: Juden in Würzburg

 

--- um 1300 ...................ca. 800 Juden,

--- 1450 ...........................ca. 20 Juden,

--- 1547 ................................. 7 jüdische Familien (ca. 30 Pers.),

--- 1803 ...............................   3 Juden,

--- 1808 ............................... 16 Juden,

--- 1810 ............................... 29 Juden,

--- 1828 ............................. 218 Juden,

--- 1836 ............................. 259 Juden,

--- 1848 ............................. 473 Juden,

--- 1871 .......................... 1.518 Juden,

--- 1880 .......................... 2.271 Juden,

--- 1900 .......................... 2.567 (ca. 4% d. Bevölk.),

--- 1910 .......................... 2.514 Juden,

--- 1925 .......................... 2.265 Juden,

--- 1933 .......................... 2.145 (ca. 2% d. Bevölk.),

--- 1936 (Jan.) ................ 2.200 Juden,

--- 1937 (Jan.) ................ 1.490 Juden,

--- 1939 (Mai) ..................1.081 Juden,

              (Nov.) ...................930 Juden,

--- 1942 (Febr.) ................. 593 Juden,

--- 1943 (Juni) ...................  29 Juden,

--- 1945 ............................   59 Juden,

--- 1961 ............................ 129 Juden,

--- 1970 ............................ 149 Juden,

--- 1989 ...................... ca. 180 Juden,

--- 1995 ............................ 310 Juden,

--- 1998 ............................ 820 Juden,

--- 2001 .......................... 1030 Juden,

--- 2005 ...................... ... 1070 Juden,

--- 2006 ...................... ....1100 Juden,

--- 2010 ...................... ... 1030 Juden,

--- 2015 ...................... ... 1000 Juden,

--- 2020 ...................... ....  900 Juden.

 

Angaben aus:

Baruch Z. Ophir/Falk Wiesemann, Die jüdischen Gemeinden in Bayern 1918 - 1945, S. 433

 

und Roland Flade, Die Würzburger Juden - Ihre Geschichte vom Mittelalter bis zur Gegenwart  und Synagogen-Gedenkband Bayern (Unterfranken), Band III/1, Mehr als Steine ...., S. 545

 

Die Mehrheit der in Würzburg ansässigen Juden war im Handel und in freien Berufen tätig. Eine herausragende Bedeutung besaß für die jüdischenFamilien der hiesige Weinhandel; so zählte man in der Stadt im Jahre 1920 allein ca. 90 in jüdischem Besitz befindliche Wein- u.Spirituosenbetriebe (von insgesamt 166 Betrieben); das größte Unternehmen seiner Art war die Weingroßhandlung von Max Stern.

Aufn. von 1920/1930 (beide Aufn. Geschichtswerkstatt Würzburg, aus: "Main-Post")

Max Stern (geb. 1883 in Würzburg), Sohn des Weingroßhändlers Joseph Stern, baute in der Zwischenkriegszeit die Fa. Würzburger Weinvertrieb (Domschulstraße) zu eines der größten Weinhandelsunternehmen der Region aus. Antisemitische Anfeindungen zwangen Max Stern dazu, seinen gesamten Besitz zu verkaufen; kurz vor der „Reichskristallnacht“ emigrierte er mit seiner Familie in die USA. Dort leitete er in New York bis zu seinem Tode (1956) ein größeres Versicherungsbüro.

Kaufhaus Ruschkewitz, Schönbornstraße (hist. Postkarte,Stadtarchiv)

Anm.: Im Jahre 1898 gründete Siegmund Ruschkewitz ein Warenhaus, das sich zunächst am Dominikanerplatz und später in der Schönbornstraße befand; es entwickelte sich bald zueinem der bedeutendsten Textilgeschäfte in Unterfranken. Ende der 1920er Jahre expandierte die Firma, indem das Sortiment erweitert wurde; nicht nur Textil- u. Haushaltswaren,sondern auch Lebensmittel, Schallplatten und Spielwaren wurden nun verkauft. Im Zuge der „Arisierung“ jüdischer Firmen erwarb der Jungunternehmer Josef Neckermann 1935 vonSiegmund Ruschkewitz dessen Textilkaufhaus sowie das dazugehörige Niedrigpreisgeschäft "Merkur" mit seinen ca. 150 Angestellten und Außendienstmitarbeitern). Der Kaufpreis von100.000 RM lag dabei weit unter Wert. - Siegmund Ruschkewitz zog mit seiner Frau Anfang 1936 nach Berlin; von hier versuchten sie nach Palästina zu emigrieren. Beide verstarbenan Thypus Ende 1940 auf einem illegalen Flüchtlingsschiff, dem die Landung in Palästina verweigert wurde; ihre Gräber befinden sich in Heraklion/Kreta.

 

 Ende der 1920er Jahre verstärkten sich die antisemitischen Aktivitäten der nationalistischen Studentenbünde der Universität Würzburg; bald kam eszu ersten Gewalttätigkeiten und Übergriffen gegen die Juden. Bei einer im November 1930 gemeinsam mit der NSDAP durchgeführtenantijüdischen Demonstration wurden 14 Juden verletzt.

 

Anm.: Im Rahmen eines Auftritts der aus der UdSSR stammenden jüdischen Theatergruppe „Habima“ hatte die hiesige NSDAP-Ortsgruppe mit einem Flugblatt („Kulturbolschewismusin Würzburg“) mobil gemacht und auch Resonanz gefunden: Eine Menschenmenge, darunter vor allem Halbwüchsige, hatte sich vor dem Theater eingefunden, um gegen „dieKulturschande“ für „deutsche Art und Kultur“ zu demonstrieren („Nieder mit all den Juden, raus mit den Hebräern! Schlagt sie tot!“). Nach der Theater-Vorstellung konnte auchherbeigerufene Polizei die grölende aggressive Menge nicht zurückhalten, so dass Theaterbesucher Beschimpfungen und Tätlichkeiten über sich ergehen lassen mussten.

 

 Schon kurz nach Beginn der NS-Herrschaft ereigneten sich - Anfang/Mitte März 1933 - gewalttätige antijüdische Unruhen; so wurden Judenzusammengeschlagen und auf Weisung der städtischen Behörden jüdische Warenhäuser kurzzeitig geschlossen.

 

 Am 1.April 1933 marschierten SA- und SS-Angehörige vor jüdischen Geschäften, Arztpraxen und Anwaltskanzleien auf und kennzeichneten diesedurch schwarze Plakate mit gelben Flecken. Der Gauleiter Dr. Hellmuth hatte tags zuvor bei einer Massenveranstaltung auf dem WürzburgerMarktplatz die NSDAP-Anhängerschaft auf den Boykott jüdischer Einrichtungen eingeschworen.

 

 Aus dem „Würzburger Generalanzeiger” über den Verlauf der „Boykottaktion“ am 1.4.1933:

 

 Als in den folgenden Monaten der Wirtschaftsboykott gegen die jüdischen Kaufleute immer größere Ausmaße annahm, schuf die Gemeinde ein„Komitee für Hilfe und Aufbau“; Ziele dieser Organisation waren Beratung und materielle Unterstützung in Fragen der Berufsausbildung und Auswanderung für diejenigen, die ihren Beruf hatten aufgeben müssen.

 

Die ersten ca. 200 jüdischen Emigranten verließen Würzburg bereits im ersten Jahr der NS-Herrschaft; unter ihnen waren Anhänger der Linksparteien, Zionisten und „Ostjuden“, aber auch Jugendliche, die keine berufliche Perspektive für sich mehr sahen.1934 wurden die Käufer per Lautsprecher aufgefordert, nur in „deutschen Geschäften” einzukaufen. Allen nichtjüdischen Geschäftsleuten wurde mit Verlust von Steuervergünstigungen gedroht, sollten sie ihre geschäftlichen Beziehungen zu Juden nicht abbrechen. Im Herbst 1935 verbot die Würzburger Verwaltung jedweden Zuzug auswärtiger Juden in die Stadt. Mit zahllosen Verboten und Geboten wurden die Juden Würzburgs nach und nach ins gesellschaftliche Abseits gedrängt.1938/1939 stieg die Zahl der jüdischen Auswanderer in Würzburg auf fast 800 Personen, die meisten blieben in Europa, viele zog es nach Palästina oder in die USA.

 

Wie in anderen deutschen Städten wurde Ende Oktober 1938 versucht, Juden mit polnischen Pässen nach Polen abzuschieben, doch vergeblich: die„Staatenlosen“ kehrten wieder zurück.

 

Der Auflösungsprozess der Würzburger Jüdischen Gemeinde beschleunigte sich nach den Vorgängen während des Novemberpogroms von 1938.

 

Am Morgen des 10.November versammelten sich etwa 1.000 SA-Angehörige auf dem Fußballplatz. Ihnen wurde befohlen, Häuser und Wohnungen von Juden zu verwüsten und deren Bewohner festzunehmen; gruppen weise fielen sie in die Wohnungen ein und zerschlugen das Inventar, das teilweise auch geplündert wurde; auch Geschäfte zahlreicher Juden wurden zerstört. Die Synagoge in der Domerschulstraße wurde wegen derGefährdung angrenzender Häuser nicht in Brand gesetzt, allerdings ihr gesamtes Inventar zertrümmert und anschließend im Synagogenhofverbrannt.

 

Auch in der „Wochentags-Synagoge“ wurde am gleichen Tage die Inneneinrichtung mitsamt der Kultgeräte zerstört. Das jüdischeLehrerseminar Würzburgs wurde ebenfalls von SA-Trupps überfallen.

 

Etwa 130 jüdische Männer, darunter auch solche ausNachbargemeinden,verbrachte die Gestapo nach zweitägiger Gefängnishaft ins KZ Buchenwald; wenige Tage später verließ ein weiterer Transport mit etwa 160 Personen Würzburg in Richtung Dachau.

 

Das „Fränkische Volksblatt” berichtete am 11.11.1938:

 

Das Synagogengebäude in der Domerschulstraße benutzte die NSDAP nach dem Pogrom als Parteibüro, bis es im März 1945 durch einenBombentreffer völlig zerstört wurde.In den Gebäuden des Lehrerseminars brachte die jüdische Gemeinde nun Glaubensgenossen unter, die aus der dörflichen Umgebung in WürzburgZuflucht gesucht hatten.

 

Zwischen 1933 und 1942 wanderten insgesamt mehr als 1.600 Würzburger Juden aus; fast 700 Personen waren in anderedeutsche Städte verzogen. Anfang des Jahres 1942 mussten die wenigen noch in Würzburg verbliebenen Juden ihre Wohnungen räumen und ins „Judenhaus“ auf dem israelitischen Friedhof ziehen; die Bewohner lebten hier unter engsten Bedingungen. Auch das jüdische Krankenhaus dienteals Unterkunft.

 

Die erste Deportation war bereits Ende November 1941 erfolgt: In der Würzburger Schrannenhalle sammelte die Gestapo etwa 200 Juden der Stadt,um sie vom Bahnhof Aumühle in Grombühl nach Nürnberg-Langwasser und wenige Tage später nach Riga zu verfrachten.

 

Im März und April1942 wurden von Kitzingen aus weitere Juden - darunter auch Juden aus der Umgebung Würzburgs - nach Izbica bei Lublin deportiert; auch Theresienstadt und Auschwitz waren Ziele der Transporte. Vom Verladebahnhof Aumühle wurden zwischen 1941 und 1943 insgesamt fast 1.800Personen in die Vernichtungslager deportiert und dort fast ausnahmslos ermordet.

 

Juden aus Würzburg und Umgebung auf dem Weg zum Sammelpunkt - Gepäckverladung Bahnhof Aumühle (Stadtarchiv Würzburg)

In einem „Abschlussbericht“ der Würzburger Gestapo vom 6.August 1943 hieß es:„... Am 17.Juni 1943 sind auf Grund des Erlasses des Reichssicherheitshauptamtes vom 21.Mai 1943 64 Juden aus Würzburg abgewandert. Mit diesem letzten Transport sind sämtlichenach den ergangenen Richtlinien abzuschiebenden Juden aus Mainfranken abgewandert. ..”Die jüdische Gemeinde von Würzburg hörte offiziell am 22.September 1942 auf zu existieren. Noch einen Tag zuvor war es Gemeinde mitgliederngelungen, unbemerkt von den NS-Behörden, eine Kiste mit 25 Thorarollen auf dem jüdischen Friedhof zu begraben. In Würzburg verblieben nur sehr wenige „in Mischehe “ verheiratete Juden.

Mit nur 59 Mitgliedern, nämlich 21 aus Theresienstadt zurückgekehrten Würzburgern, 19 sog. Displaced Persons und einigen Angehörigenehemaliger Landgemeinden entstand im November 1945 eine neue jüdische Gemeinde in Würzburg. Die kleine Gemeinde unter ihrem Vorsitzenden Max Fechenbach und in Nachfolge David Rosenbaum kümmerte sich zunächst um die Lebensbedürfnisse der wenigen Rückkehrer;dabei wurde sie durch die US-Besatzungsbehörden unterstützt.

Die Israelitische Kultusgemeinde Würzburg, deren Einzugsgebiet sich heute auf ganz Unterfranken erstreckt, richtete 1970 in der Valentin-Becker-Straße, auf dem Gelände des jüdischen Altersheims, eine neue Synagoge ein. Im Innern des Gotteshauses erinnert eine Gedenktafel an dieverfolgten und ermordeten Juden der Stadt Würzburg.

Am heutigen Diözesanarchiv ist eine Bronzetafel zur Erinnerung an die Synagoge der Israelitischen Kultusgemeinde Würzburg mit einerreliefartigen Darstellung von Synagoge, Gemeindehaus sowie umgebenden Hof angebracht.

Im ehemaligen jüdischen Altersheim in der Valentin-Becker-Straße wurde 1987 ein „Dokumentationszentrum für jüdische Geschichte inUnterfranken” eröffnet; seit 2011 trägt es den Namen von Dr. Johanna Stahl. Das Zentrum versteht sich als Ort der Sammlung regionaler jüdischer Kultur und der Forschung.

 

Anm.:Johanna Stahl (geb. 1895) gehörte zu den ersten akademisch gebildeten Frauen in Würzburg; sie arbeitete als Journalistin bei der Frankfurter Zeitung, war politisch tätig,kämpfte für die Rechte der Frauen und engagierte sich schließlich unter der NS-Diktatur an zentraler Stelle in der jüdischen Selbsthilfe. Im Juni 1943 wurde sie deportiert und in Auschwitz ermordet.

 

Nach dem langjährigen Vorsitzenden der Würzburger Nachkriegsgemeinde, David Schuster (geb. 1910 in Bad Brückenau, gest. 1999), wurde eine der Realschulen der Stadt Würzburgbenannt. Während seiner Amtszeit als Gemeindevorsitzender (1958-1996) war er maßgeblich für die Konsolidierung und den systematischen Ausbau der Kultuseinrichtungenverantwortlich.

 

Auch das Projekt „Shalom Europa“ trägt wesentlich seine Handschrift. Ende 2001 wurde der erste Spatenstich dafür getan. Im Oktober 2006 wurde es in Anwesenheit von Charlotte Knobloch, der Präsidentin des Zentralrates der Juden, und des bayrischen Ministerpräsidenten als Gemeinde- und Kulturzentrum offiziell eingeweiht und in Betrieb genommen

„Shalom Europa“ (Aufn. J.Hahn/J. Hanke)

ISRAELITISCHE Gemeinde Würzburg und Unterfranken

Copyright © 2005 Shalom Europa

Kontakt        Mitgliedschaft        Sitemap        Impressum        Datenschutz        Spenden